114 Lehrpläne und L.ehrbetricb.
2. Deutsch.
Allgemeines Lehrziel. Fertigkeit im richtigen mündlichen
und schriftlichen Gebrauche der Muttersprache, Bekanntschaft mit den
wichtigsten Abschnitten der Geschichte unserer L.teratur an der Hand
des Gelesenen und Belebung des vaterländischen Sinnes, insbesondere
durch Kinführung in die germanische Sagenwelt und in die für die
Schule bedeutsamsten Meisterwerke unserer Literatur.
Das humanistische Gymnasium erwartete früher von der I.cktüre
der antiken Klassiker jene Wirkung auf das Verständnis und die Gesinnungr
seiner Schüler, die der selbsterarbeitete Anblick großer Vorbilder,
die ausdauernde Versenkung in eine Welt erhabener Kultur
erwecken kann. Die Zeit jener höchsten erzicherischen Wirkung der
Antike ist, wir haben das oben feststellen müssen, vorüber. Nirgends
aber finden wir einen lebendigen Ersatz näher und natürlicher, nirgends
wirkungsvoller, als in unserer klassischen L.iteratur. Nahcliegend
und natürlich zunächst, weil es cben die Muttersprache und ihr
Schrifttuni ist, das unseren Kindern hier erschlossen wird: unter allen
einzelnen Aufgaben des humanistischen Unterrichts stets die wichtigste
und dringendste. Ein Ersatz aber ist dieser Unterricht auch
darum, weil er, wie das einst die klassische Lektüre getan hat, zugleich
das Verständnis für den Wert und die Entwicklung der allsemeinen
Geisteskultur cröffnet, in der die Gegenwart steht. Denn
alle moderne Kultur ist zunächst aus dem Christentum, sodann aber
aus der Renaissance und somit indirekt aus dem Altertum hervorgerrangren,
wie unsere klassische Literatur selbst. Daher cröffnet das
Verständnis für diese zugleich den Einblick in den weltgeschichtlichen
Zusammenhang, in dem die Bildung unseres Volkes und unserer Jugend
steht, und schafft ein Verständnis für die geschichtlich begründete
Kulturgemeinschaft, welche die großsen curopäischen Nationen miteinander
verbindet.
Die grammatische Unterweisung in der Muttersprache hat
die Aufgabe, dem Schüler einen sicheren Maßstab für die Beurteilung
des eigenen und fremden Ausdrucks zu bieten, ihn auch noch später
in Fällen des Zweifels zu leiten und ihm einen Einblick in die Eigenart
und die Kintwicklung seiner Muttersprache zu geben. Diese Unterweisung
soll aber auf das notwendigste beschränkt bleiben, sich
innmer an bestimmte und mustergültisse Beispiele anlehnen und in
der Weise fortschreiten, daß Neues und Schwieriges in immer crweiterten
Kreisen an früher erworbene Kenntnisse anknüpft. So wird