Metadata : Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Stettin. 1914. (104)

Bürgerliches  Recht.  129

ungewiß,  ob  er  den  dafür  bezahlten  Gegenwert  vom  Verkäufer  wieder  erlangen  kann.  Veräußert
  aber  jemand  eine  fremde  Sache,  so  ist  er  möglicherweise  durch  den  Kaufpreis  ungerechtfertigt
  bereichert;  dies  dann,  wenn  der  gutgläubige  Erwerber  Eigentümer  wird  und  dem  ursprünglichen
  Eigentümer  auf  solche  Weise  der  Zugriff  zur  Sache  entzogen  ist:  hier  kann  sich
der  Eigentümer  an  den  Kaufpreis  halten,  den  der  Veräußerer  durch  Verkauf  der  fremden  Sache
sich  angeeignet  hat,  §  816  BGB.  Anders  wenn  der  Erwerber  nicht  Eigentümer  wird,  denn
dann  hat  der  Veräußerer  dem  Erwerber  den  Kaufpreis  herauszugeben,  und  seine  Bereicherung
ist  dahin;  der  Eigentümer  aber  erlangt  die  Sache  vom  Erwerber  zurück.

In  jenen  Fällen  also  bestimmt  die  Rechtsordnung,  daß  der  Geschädigte  die  ungerechtfertigte
  Bereicherung  herausverlangen  kann,  und  zwar  zunächst  das  Empfangene  samt  den
bezogenen  Nutzungen.  Manchmal  steigert  sich  die  Pflicht  der  Herausgabe,  indem  der  Empfänger
sogar  für  die  zu  beziehenden  Nutzungen,  für  die  Zinsen  und  für  die  fahrlässige  Behandlung
der  Sache  einsteht:  dies  dann,  wenn  der  Erwerb  ein  wissentlich  ungerechtfertigter  Erwerb
war  1,  und  auch  dann  ist  die  Haftung  eine  gesteigerte,  wenn  der  Erwerber  mit  Rücksicht  auf  ein
ungewisses  zukünftiges  Ereignis  erwarb  und  das  Ereignis  nicht  eintritt;  denn  in  einem  solchen
Falle  mußte  er  sich  sagen,  daß  der  Erwerb  ein  zweifelhafter  war  und  er  die  Sache  wirtschaftlich
noch  nicht  endgültig  als  die  seinige  behandeln  durfte:  eine  Zinspflicht  kann  in  diesem  letzten  Falle
allerdings  gerechtermaßen  erst  im  Augenblick  entstehen,  wo  der  Erwerber  erfährt,  daß  das  Ereignis
  nicht  eingetreten  ist.  In  anderen  Fällen  wird  die  Haftung  dadurch  abgeschwächt,  daß  der
Empfänger  nur  haftet,  soweit  er  noch  bereichert  ist,  so  zj.  B.  wenn  jemand  eine  Nichtschuld  bezahlt
erhielt  und  darauf  den  gezahlten  Gegenstand  zu  einem  geringen  Preise  weiter  veräußert  hat  (8§  818,
819  BGB.);  er  ist  nur  noch  um  diesen  geringen  Preis  bereichert.  Ob  allerdings,  wenn  er  Geld
erhalten  und  sich  Gegenstände  minderen  Werts  gekauft  hat,  diese  Gegenstände  minderen  Werts
oder  das  empfangene  Geld  zurückzuerstatten  ist,  hängt  von  den  Umständen  ab;  denn  es  ist  nicht
gesagt,  daß  der  Erwerb  gerade  mit  diesem  Geld  gemacht  wurde  und  ohne  dieses  Geld  nicht  gemacht
  worden  wäre.  Im  Zweifel  ist  der  Fortbestand  der  Bereicherung  anzunehmen  ?.

Eine  große  Errungenschaft  des  BG.  ist  es  gegenüber  dem  gemeinen  Recht,  daß,  wenn
der  Empfänger  der  ungerechtfertigten  Bereicherung  die  Sache  schenkweise  weggegeben  hat,
der  Beschenkte  ebenfalls  haftet,  und  zwar  in  gleicher  Weise  wie  sein  Vorgänger,  wenn  auch  natürlich
  mit  Rücksicht  auf  seinen  etwaigen  guten  Glauben  milder.  Z.  B.  der  A.  ist  Eigentümer
eines  Grundstücks  geworden,  weil  er  nach  §  892  BGB.  in  gutem  Glauben  erworben  hat;  ist
der  Erwerb  ein  schenkweiser  gewesen,  dann  muß  er  das  Grundstück  wieder  herausgeben,  denn
es  ist  germanisches  Prinzip,  daß,  wo  immer  ein  notleidender  Verkehrtreibender  und  ein  Beschenkter
  in  ihren  Interessen  kollidieren,  der  Beschenkte  zurückstehen  muß,  §§  816,  822  BGB..

§  87.  Eine  fünfte  Ausgleichungspflicht  ergibt  sich  aus  folgendem:  Im  allgemeinen  hat
der  Schuldner,  trotzdem  er  Schuldner  ist,  die  freie  Verfügung  über  sein  Vermögen.  Indes  darf
diese  Freiheit  nicht  dahin  mißbraucht  werden,  daß  er  das  Vermögen  in  arglistiger  Weise  den
Gläubigern  entzieht,  so  daß  ihre  Forderungen  den  realen  Halt  verlieren.  Dies  ist  um  so  bedeutsamer,
  als  die  Person  selber  nicht  mehr,  wie  früher,  mit  Leib  und  Leben  für  ihre  Schulden  haftet;
hier  muß  man  sagen:  wer  sich  zu  einer  Leistung  verpflichtet,  kann  zwar  nicht  als  verpflichtet
gelten,  alles  zu  tun,  was  nötig  ist,  um  diese  Leistung  zu  ermöglichen;  wohl  aber  ist  es  ein  ethisches
Verschulden,  wenn  jemand  absichtlich  dahin  wirkt,  die  Zahlungsmittel  zu  beseitigen,  um  dadurch
seine  Pflicht  zu  einer  unerschwinglichen  zu  machen.  Ja,  selbst  ein  derartiges  Handeln  gegen  erst
künftig  erstehende  Gläubiger  ist  widerrechtlich.  Schon  das  römische  und  altdeutsche  Recht  ging
von  dieser  Anschauung  aus,  obgleich  hier  ein  solches  Eingreifen  viel  weniger  nötig  war  als  bei
uns;  denn  damals  haftete  der  Schuldner  mit  seiner  Person  und  Freiheit,  er  schnitt  sich  daher

1  Oder  wenn  der  Erwerber  späterhin  die  Sachlage  erkennt,  &  819  BGB.,  OL.  Breslau
6.  Mai  1911  Mugdan  23  S.  65.

:  Uberhaupt  ergeben  sich  hier  manche  Unsicherheiten,  die  ed  aoquitate  zu  beschwichtigen  sind.
Vgl.  auch  Tuhr,  Zur  Lehre  von  der  ungerechtfertigten  Bereicherung  (1907)  S.  16  f.

*  Natürlich  ist  um  so  mehr  ein  Anspruch  gegen  eine  persona  interposita  begründet,  für
welche  der  direkte  Kontrahent  gehandelt  hat.  Vgl.  auch  Hedemann  in  der  Festgabe  für
Thon  S.  90f.

Enzyklopädie  der  Nechtswissenschaft.  7.  der  Neubearb.  2.  Aust.  Band  II.  9