Volltext : Reichs-Gesetzblatt. 1881. (15)

Sofia,  Belgrad  und  Cettinje,  in  denen  die  Befriedigung  beider
Herrscher  über  die  ruhige  Haltung  der  vier  Balkanstaaten  während
des  griechisch-türkischen  Krieges  ausgesprochen  wurde.  Die  der
deutschen  Politik  willkommene  Verständigung  zwischen  den  beiden
meistbeteiligten  Festlandsmächten  erlitt  auch  dadurch  keine  Störung
mehr,  daß  Rußland,  das  bisher  das  starke  verwandtschaftliche  Interesse
  des  Zarenhofes  an  dem  Geschick  der  griechischen  Königsfamilie
  unterdrückt  hatte,  bald  nach  der  Kaiserbegegnung  vorschlug,
sämtliche  Großmächte  sollten  dem  neuen  radikalen  Kabinett  in  Athen
ein  Interventionsangebot  machen.  Erst  nachdem  das  neue  griechische
  Kabinett,  dem  Verlangen  Österreich-Ungarns  und  Deutschlands
  entsprechend,  in  einer  Note  die  Rückberufung  der  Truppen
des  Obersten  Vassos  von  Kreta  angekündigt  und  mit  ausdrücklicher
Anerkennung  der  künftigen  Autonomie  der  Jusel  die  Annexionserklärung
  vom  14.  Februar  zurückgenommen  hatte,  kam  die  Vermittelung
  aller  Mächte  in  Konstantinopel  zustande.

Das  war  die  Lage,  die  der  neue  Staatssekretär  vorfand.  Ich
bin  ansführlicher  darauf  eingegangen,  als  es  die  Episode  des
griechisch-türkischen  Krieges  an  sich  verdient,  weil  in  der  politischen
Literatur  die  Ansicht  vertreten  worden  ist,  daß  nach  Marschalls
Abgang  ein  Umschwung  in  der  deutschen  Politik  eingetreten  sei.
Das  ist  nicht  der  Fall.  Ein  Grund  zu  einem  Wandel  lag  in  Wirklichkeit
  auch  nicht  vor.  Für  die  deutsche  Politik  war  es  ein  günstiger
  Umstand,  daß  auf  der  einen  Seite  England  es  gern  gesehen
hätte,  wenn  Rußland  durch  Ausdehnung  des  griechischen  Brandes
  stärker  im  nahen  Orient  beschäftigt  und  damit  von  seinen
Unternehmungen  im  fernen  Osten  abgezogen  worden  wäre,  daß
aber  auf  der  andoren  Seite  Rußland  gerade  damals  einen  allgemeinen
  Brand  auf  der  Balkanhalbinsel  vermieden  zu  sehen
wünschte.

Der  englisch-russische  Gegensatz  in  Asien  hatte  sich  mehr  und
mehr  verschärft.  Einmal  infolge  der  russischen  Eroberungen  in
Zentralasien,  die  in  England  starke  Sorgen  um  die  Sicherheit
der  indischen  Grenze  einflößten,  dann  aber  auch,  weil  Rußland
soeben  eine  aktive  imperialistische  Politik  im  fernsten  Osten  begonnen
  hatte.  Bei  der  Anwesenheit  Li--hung-Tschangs  als  chinesischer
  Sondergesandter  zu  der  Krönungsfeier  in  Moskau  war  ein

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