Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

Die  Philosophie  IlEser’s.  127

öffentlichen  Lebens,  der  Realitäten,  für  omnipotent  erklärte,  konnte
eben  deshall»  seine  Philosophie  freudig  begrüssen  und  das  ideale
Reich  des  Gedankens  ihrer  Herrschaft  überlassen.  Ein  Exempel
der  Verbindung  beider  Grossmächte  wurde  bereits  im  Jalıre  1822
statuirt:  dem  empiristischen  Philosophen  BEnEkE  wurde  die  Venia
legendi  an  der  Berliner  Universität  entzogen.  FiıcntE  hatte  einst
Ähnliches  in  flammenden  Worten  verlangt,  und  wenn  es  nach  ihm
gegangen  wäre,  hätte  der  Preussische  Staat  seine  Wissenschaftslehre
für  kanonisch  erklären  und  alle  Gegner  mit  kurzem  Process  beseitigen
müssen.  Aber  der  ungestüme  Mann  konnte,  wo  er  praktische  Vorschläge
  machte,  nicht  ganz  ernst  genommen  werden;  auch  lagen
in  seinen  Worten  immer  Autokratie  und  schrankenlose  Freiheit,
Autorität  und  Umsturz,  dicht  bei  einander.  Das  musste  die  Staatsmänner
  abschrecken.  In  Heser  dagegen  war  ein  philosophischer
Staatsınann  aufgetreten,  der  allen  Fortschritt,  den  er  verhiess,  an
das  Gegebene  und  an  den  Staat  anknüpfte,  der  in  jeglichem  Umsturz
  nur  die  Negation  salı  und  dessen  Lehre  den  Traum  Plato’s
von  der  Königsherrschaft  der  Philosophen  mit  den  Ansprüchen  des
wirklichen  Staats  auszugleichen  schien.

Was  die  Geschichtswissenschaft  Heser  verdankt,  kann  wohl
geleugnet,  aber  aus  den  Annalen  dieser  Wissenschaft  nicht  gelöscht
werden:  ohne  ihn  wäre  der  Aufschwung,  den  diese  Diseiplin  durch
Herper  und  die  Romantiker  genommen  hat,  der  Wissenschaft  schliesslich
  verloren  gegangen:  sie  hätte  sich  in  Poesie,  und  in  immer
ungeniessbarere,  aufgelöst.  Was  die  gesammite  geistige  Cultur  unseres
  Vaterlandes  dadurch  empfangen  hat,  dass  ihr  innerer  Gehalt
auf  eine  Einheit  zurückgeführt  wurde,  lässt  sich  nicht  aussagen.
Man  mag  die  durch  eine  künstliche  Abstraction  erzwungene  Einförmigkeit
  dieser  Einheit  beklagen  und  noch  so  scharf  kritisiren  —
aber  die  Energie,  die  es  zur  Einheit  bringt,  ist  eine  That,  die  dureh
unermessliche  Wirkung  belohnt  wird.  GoETHE  und  WiıLnELM  von
Hvunsorprt  haben  nicht  vermocht,  ihre  reicheren,  zarteren  und  tieferen
  Welterkenntnisse  so  eindrucksvoll  zusammenzufassen,  dass  sie
die  Bedeutung  für  das  Gesammitleben  der  Nation  gewannen,  die
Heser  zwischen  1825  und  1840  errungen  hat.  Woran  lag  das?
Doch  nicht  nur  an  der  sublimen  Höhe  ihrer  Weltanschauung!  Sie
drangen  nicht  durch,  weil  sie  das  historische  und  bedingte  Element
übersahen,  welches  doch  Herner  schon  beachtet  hatte,  und  weil
sie  demgemäss  auch  den  geschichtlichen  Mächten,  vor  allem  der
öffentlichen  Religion,  eine  sichere  Stellung  in  ihrer  Weltanschauung