Volltext : Reichs-Gesetzblatt. 1883. (17)

Ueber  die  Aeuderungen  am  Reichshastpflichtgesetze.  89

sog.  außergerichtliche  Mahnung,  welche  wenigstens  für  die  im  §  9  Abs.  2
des  HPG.  von  1871  zugelassenen  Fälle  der  Anwendung  landesrechtlicher
Normen  bei  Entscheidung  nach  bayr.  Recht  —  vgl.  den  Plenarbeschluß
des  vorm.  k.  bayr.  Oberappellationsgerichts  vom  16.  Dezember  1858
(Reg.  Bl.  1859  S.  17  ff.)  —  als  zulässig  erscheint  und  in  der  Gerichtspraxis
seither  konstant  angewendet  wurde,  zufolge  der  gemäß  §  8  der  HP.-Nov.
allgemein  zur  Amvendung  zu  bringenden  Vorschriften  des  BGB.  über  die
Verjährung  (vgl.  §§  209  und  210)  einheitliches  Recht  dahin  geschaffen,
daß  nur  durch  förmliche  Erhebung  der  Klage  oder  durch  die  in  §  209
Ziff.  1  mit  5  aufgeführten  der  Klageerhebung  gleichstehenden  Prozeßhandlungen
  Unterbrechung  der  Verjährung  eintritt.

15)  Von  besonders  einschneidender  Bedentung  sind  die  Aenderungen,
welche  in  §  9  der  HPW.-Nov.  am  nämlichen  §  des  Ges.  von  1871  vorgenommen
  sind.  Dieser  hatte  jene  landesgesetzlichen  Vorschriften  unberührt
gelassen,  nach  welchen  außer  den  im  HPG.  vorgesehenen  Fällen  der
Unternehmer  einer  in  den  §§  1  und  2  desselben  bezeichneten  Anlage  (also
Eisenbahn,  Bergwerk,  Gräberei,  Fabrik)  oder  eine  Person,  insbesondere
wegen  eines  eigenen  Verschuldens  für  den  bei  dem  Betrieb  der  Aulage
durch  Tödtung  oder  Körperverletzung  entstandenen  Schaden  haftet.  Die
legislatorische  Absicht  dieser  bisherigen  Gesetzesvorschrift  war,  neben  dem
Haftpflichtgesetze  solche  landesgesetzliche  Vorschriften  aufrecht  zu  erhalten,
  welche  —  s.  Eger  a.  a.  O.  S.  569  —  „nach  irgend  einer  Seite
hin  qualitativ  oder  quantitativ  dem  Betriebsunternehmer  gegenüber  eine
weitergehende  Haftbarkeit  begründen,  soferne  sie  nur  nicht  dem  im  HP.
gegen  den  Unternehmer  normirten  Anspruch  entgegenstehen.“  Wie  in
einem  Urtheil  des  Obersten  bayr.  Landesgerichts  vom  30.  Januar  1891
(Eger,  Entsch.  Bd.  8  S.  224;  Bl.  f.  NA.  Bd.  56  S.  122  ff.)  sich  ausgedrückt
  wird,  soll  der  Umfang  des  reichsgesetzlichen  Anspruchs  hiernach
auch  für  die  landesgesetzlichen  Ansprüche  rechtlich  überhaupt  das  Minimum
bilden,  welches  der  Beschädigte  gegen  irgend  eine  ihm  aus  der  Beschädigung
  haftende  Person  geltend  machen  darf.  Es  sind  hier  hauptsächlich
  Fälle  gemeint,  in  welchen  nach  Landesrecht  ein  Anspruch  auf  Verschulden
  des  Betriebsunternehmers  oder  einer  anderen  Person  gegründet
werden  will.  Nun  bestimmt  jedoch  Art.  55  des  EG.  zum  BGB.,  daß
die  privatrechtlichen  Vorschriften  der  Landesgesetze  außer  Kraft  treten,  soweit
  nicht  im  BGB.  oder  in  diesem  Gesetze  (EG.)  ein  Anderes  bestimmt
ist.  Wenn  daher  in  §  9  Abs.  1  der  HP.-Nov.  in  den  Eingangsworten,
  abweichend  von  dem  bisherigen  §  9  an  Stelle  der  unberührt
bleibenden  landesgesetzlichen  Bestimmungen  von  den  „gesetzlichen“  Vorschriften
  die  Rede  ist,  welche  —  der  übrige  Theil  dieses  ersten  Absatzes
stimmt  wörtlich  mit  dem  bisherigen  1.  Absatz  überein  —  unberührt