Contents : Deutschland und der Weltkrieg.

 

252  Ottocar  Weber

 

hätte  Rußland  damals  in  das  größte  Ungemach  stürzen  können,  und
der  Erfolg  eines  siegreichen  Krieges  wäre  möglicherweise  für  Österreich
der  Gewinn  eines  oder  des  anderen  Balkanstaates  gewesen.  Man
wird  über  die  damalige  österreichische  Politik  urteilen  können:  sie  war
schwächlich,  aber  unbedingt  friedliebend.

Von  nun  an  fand  man  in  Wien  bei  jeder  Gelegenheit  Rußland  als
Gegner.  Wiederum  mit  Unrecht,  denn  gerade  der  Minister  des  Auswärtigen
  in  Österreich,  Graf  Beust,  war  es,  der  Ende  der  sechziger  Jahre
auf  die  Möglichkeit  hinwics,  den  Friedensschluß  des  Jahres  1856  zu
#andern,  der  Rußlands  Scemacht  auf  dem  Schwarzen  Mrcere  enge  Fesseln
  angelegt  hatte.  Als  dann  während  des  Deutsch-Französischen  Kricges
  Rußland  cigenmächtig  den  betreffenden  Vertrag  zerriß,  konnte  es
sich  auf  Beusts  Vorschlag  berufen.  Weder  bei  Deutschland  noch  bei
Österreich  fand  Rußland  Widerspruch,  dagegen  konnte  England  nur  mit
Mühe  gewonnen  werden.  Im  Jahre  1871  wurde  das  neue  Deutsche
Rcich  geschaffen.  Österreich-Ungarn  hat  sich  ohne  weiteres  mit  dieser
Tatsache  abgefunden  und  glückliche  Versuche  gemacht,  mit  diesem  und
mit  Rußland  in  ein  gutes  Verhältnis  zu  treten.  Es  ist  das  Verdienst
von  Beusts  Nachfolger,  dem  Grafen  Andrassy,  daß  er  diesen  Weg  klug
beschritt.  Im  Jahrc  1872  kam  es  zu  einer  Zusammenkunft  der  drei  Kaiser
  in  Berlin,  dice  zunächst  zu  freundlichen  Beziehungen  der  Monarchen
untereinander,  im  nächsten  Jahre  dann  zu  Abmachungen  unter  den  drei
Mächten  führten.  Besuche  des  Kaisers  Alexander  II.  in  Wien  und  des
Kaisers  Franz  Josef  in  Pctersburg  boten  vollends  die  Möglichkcit,
gefährliche  Lagen  friedlich  zu  glätten.

Doch  nicht  lange  sollte  dieser  Burgfriede  währen,  kritische  Tage  setzten
  auf  der  Balkanhalbinsel  ein.  Immer  mehr  sehnten  sich  die  dort  bestehenden
  suzeränen  Staaten  nach  völliger  Unabhängigkeit,  strebten  die
der  Hohen  Pforte  direkt  unterworfenen  Bölker  nach  Befreiung.  In  der
Herzegowina  brach  ein  gefährlicher  Aufstand  los,  der  sich  nach  Bosnien
fortpflanzte,  von  Serbien  und  Montenegro  unterstützt  wurdc  und  auch
die  südfslawischen  Provinzen  Österreich-Ungarns  in  Mitleidenschaft  zog.
So  sehr  war  dic  österreichisch-ungarische  Monarchie  daran  beteiligt,  daß
zwei  ganz  unverdächtige  Zeugen,  der  russische  Diplomat  Graf  Ignatiew
und  Fürst  Mikita  von  Montenegro,  unabhängig  voncinander  den  Gedanken
  aussprachen:  Österreich  müßte  in  diese  Dinge  eingreifen.  Vor
allem  aber  wollte  Rußland  die  Gärung  auf  der  Balkanhalbinsel  für
seine  Zwecke  ausnützen.  Es  mußte  dazu  freilich  sicher  sein,  daß  ihm  SÖsterreich-Ungarn
  nicht  in  den  Rücken  fallen  würde.  Deshalb  kam  cs  am
8.  Juli  1876  in  Reichstadt  in  Böhmen  zu  einer  Abmachung,  nach  wel-