Metadata : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

346  16.  Das  Reich  unter  den  ftatfern  aus  dem  lugemburgifchen  Haus.

\onft  fojtete  e8  einige  Geißelichläge  mehr.  Zweimal  am  Tage  geichah
das  große  Büßen:  unter  Glodengeläute,  paarweije  unter  Abfingung
eine3  ihrer  melanchofijchen  Lieder  |

nu  hebent  uf  die  uwern  hende,  Inu  hebent  uf  die  uwern  arme,

daz  got  dis  grosse  sterben  wende,  |  daz  sich  got  uber  uns  erbarme  —  —
ging  e8  auf  ein  nahes  Feld,  fie  entkleideten  fich  und  legten  fich  in
einem  weiten  Kreije  nieder,  in  einer  Weile,  welche  die  Art  ihrer  zu
büßenden  Sünden  andeutete.  Ihr  Führer  oder  Meifter  fing  dann
das  Bußwerk  an,  rührte  einen  mit  der  Geißel:  „stant  uf  durch
der  reinen  martel  ere“:  der  erhob  fich,  Hinter  dem  Mleifter
ber,  tat  mit  dem  Nächiten,  was  mit  ihm  gejchehen  war,  bis  alle
aufgejtanden  waren  und  nun  noch  die  gemeinjame  Geißelung  mit
Niemen,  die  vorne  Knöpfe  und  Nadeln  teen  Hatten,  unter  allerlei
Gelang  fich  vollzog.  Dabei  wurde  wohl  ein  Brief  vorgelefen,  von
einem  Engel  vom  Himmel  herabgebracht,  mit  jeltfamem  Snhalt  —
daß  Gott  die  Welt  ganz  habe  untergehen  lafjen  wollen,  feine  Mutter
und  die  Engel  hätten  ihn  aber  noch  zum  Erbarmen  beftimmt.  Den
ordentlichen  Geiltlichen  war  nicht  ganz  wohl  bei  der  Sache,  fie
fragten  die  Schwärmer  wohl,  wer  denn  den  Brief  beglaubigt,  wer
ihr  beftegelt  hätte?,  erhielten  aber  nur  die  bedenkliche  Gegenfrage
zur  Antwort,  wer  denn  die  Evangelien  befiegelt  Habe?  Daß  damit
von  Anfang  an  viel  Unfug  fich  verband  und  mehr  und  mehr  jich
fteigerte,  war  diejem  Treiben  mit  allen  ähnlichen  Äußerungen  exaltierten
  religiöjen  Gefühl  gemein.  Er  riß  Jelbit  Frauen  und  Kinder
mit  fort;  nach  und  nad)  aber  wurde  man  der  Sache  müde,  und
Papft  und  Biichöfe  erliegen  ihre  Verbote:  auch  die  Stadt  Straßburg
  wandte  fich  polizeilich  gegen  den  Unfug  und  verordnete,  fehr
vernünftig,  daß,  wer  fich  geißeln  wolle,  der  folle  „sich  heimelich
in  sinem  huse  geischeln“.

Karls  Regierung  ließ  fich  fürs  erjte  gut  an.  Die  Schwierigfeiten,
  die  zu  Anfang  jeiner  Anerkennung  entgegenjtanden,  fonnten
vajch  befeitigt  werden:  die  Verftändigung  mit  den  Wittel3bachern,
den  jechs  Söhnen,  welche  Ludwig  Hinterlaffen,  und  mit  dem  Haufe
Habsburg  fam  mehr  durch  Vertrag  zuftande  al3  durch  Krieg  und