Full text : Deutsche Weltpolitik 1890-1912.

ı.  ENTENTE  CORDIALE.  TANGERFAHRT.  121

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gingen  Deutschland  nichts  an.  Die  ganze  Aufmerksamkeit
richtete  sich  auf  das  Kernstück  des  Abkommens:  die  gleichzeitige
Regelung  der  ägyptischen  und  der  marokkanischen  Frage,  in
der  Weise,  daß  Frankreich  versprach,  „die  Aktion  Englands
in  Agypten  nicht  zu  hindern“,  und  daß  England  „auf  politischen
Einfluß  in  Marokko“  verzichtete  und  Frankreich  das  Recht  einräumte,
  „über  die  Ruhe  Marokkos  zu  wachen  und  der  Regierung
des  Sultans  den  etwa  erforderlichen  Beistand  zur  Umgestaltung
der  Staatsverwaltung,  Finanzen  und  Armee  zu  leisten“.  Ein
deutlicherer  Beweis  für  das  wirklich  bestehende  herzliche  Einvernehmen
  konnte  nicht  gegeben  werden.  Frankreich  verzichtete
endgültig  auf  die  Ausführung  einer  Idee,  die  im  Kopf  eines  deutschen
  Philosophen,  des  Begründers  der  Differentialrechnung,
Leibniz,  entsprungen  und  ein  Jahrhundert  später  von  Napoleon  1.
in  Angriff  genommen  worden  war,  den  Plan  nämlich,  mit  der
Besetzung  der  Landenge  von  Suez  und  des  Nillandes  den  Schlüssel
zur  Weltherrschaft  zu  erlangen.  Die  englische  Gegenleistung
bestand  in  dem  Versprechen,  dem  Vordringen  Frankreichs
in  das  marokkanische  Reich  den  Weg  freizugeben,  wobei  jedoch
bestimmt  war,  daß  die  afrikanische  Küste  gegenüber  Gibraltar
nicht  befestigt  werden  dürfte,  d.  h.  daß  die  Wache  am  Eingang
zum  Mittelländischen  Meer  in  alleiniger  Obhut  Englands  verblieb.
Die  Tragweite  eines  französischen  Protektorats,  wie  es  die  englische
  Erklärung  umschrieb,  für  die  durch  den  Madrider  Vertrag
von  1880  geschützte  Freiheit  des  Handelsverkehrs  und  für  die
wirtschaftliche  Gleichberechtigung  aller  dritten  Staaten  war
unverkennbar.

Von  verschiednen  Seiten  wurde  bereits  am  ı2.  und  14.  April
1904  im  Deutschen  Reichstag  das  französisch-englische  Kolonialabkommen
  zur  Sprache  gebracht.  Der  nationalliberale
Abgeordnete  Sattler  sprach  von  einer  Verschiebung  der  europäischen
  Lage,  der  Führer  der  Sozialdemokratie,  Bebel,  sah  in
dem  Abkommen  eine  Kulturtat,  bei  der  Deutschland  zu  kurz
gekommen  sei,  was  auf  größere  Vereinsamung  schließen  lasse,
der  antisemitische  Abgeordnete  Graf  Reventlow,  ein  Bruder  des
bekannten  Schriftstellers,  beklagte  den  beschämenden  Zustand,