ı. ENTENTE CORDIALE. TANGERFAHRT. 121
Zn
gingen Deutschland nichts an. Die ganze Aufmerksamkeit
richtete sich auf das Kernstück des Abkommens: die gleichzeitige
Regelung der ägyptischen und der marokkanischen Frage, in
der Weise, daß Frankreich versprach, „die Aktion Englands
in Agypten nicht zu hindern“, und daß England „auf politischen
Einfluß in Marokko“ verzichtete und Frankreich das Recht einräumte,
„über die Ruhe Marokkos zu wachen und der Regierung
des Sultans den etwa erforderlichen Beistand zur Umgestaltung
der Staatsverwaltung, Finanzen und Armee zu leisten“. Ein
deutlicherer Beweis für das wirklich bestehende herzliche Einvernehmen
konnte nicht gegeben werden. Frankreich verzichtete
endgültig auf die Ausführung einer Idee, die im Kopf eines deutschen
Philosophen, des Begründers der Differentialrechnung,
Leibniz, entsprungen und ein Jahrhundert später von Napoleon 1.
in Angriff genommen worden war, den Plan nämlich, mit der
Besetzung der Landenge von Suez und des Nillandes den Schlüssel
zur Weltherrschaft zu erlangen. Die englische Gegenleistung
bestand in dem Versprechen, dem Vordringen Frankreichs
in das marokkanische Reich den Weg freizugeben, wobei jedoch
bestimmt war, daß die afrikanische Küste gegenüber Gibraltar
nicht befestigt werden dürfte, d. h. daß die Wache am Eingang
zum Mittelländischen Meer in alleiniger Obhut Englands verblieb.
Die Tragweite eines französischen Protektorats, wie es die englische
Erklärung umschrieb, für die durch den Madrider Vertrag
von 1880 geschützte Freiheit des Handelsverkehrs und für die
wirtschaftliche Gleichberechtigung aller dritten Staaten war
unverkennbar.
Von verschiednen Seiten wurde bereits am ı2. und 14. April
1904 im Deutschen Reichstag das französisch-englische Kolonialabkommen
zur Sprache gebracht. Der nationalliberale
Abgeordnete Sattler sprach von einer Verschiebung der europäischen
Lage, der Führer der Sozialdemokratie, Bebel, sah in
dem Abkommen eine Kulturtat, bei der Deutschland zu kurz
gekommen sei, was auf größere Vereinsamung schließen lasse,
der antisemitische Abgeordnete Graf Reventlow, ein Bruder des
bekannten Schriftstellers, beklagte den beschämenden Zustand,