Full text : Demokratie und Kaisertum.

Wahlplebiszit  vorbehalten.  Er  glaubte  an  die  national-einende  Kraft  des
allgemeinen  Wahlrechtes  und  ließ  es  sich  gefallen,  daß  dieses  von  ihm
als  offenes  Wahlrecht  gedachte  Verfahren  zu  einem  geheimen  gestaltet
wurde.  Es  ist  aus  den  damals  gehaltenen  Reden  unzweifelhaft,  daß  es
nicht  demokratische  Begeisterung  war,  die  das  Reichstagswahlrecht  schuf,
daß  aber  der  hauptgrund  seiner  Annahme  doch  der  war,  daß
die  Regierung  und  insbesondere  Bismarck  sich  auf  den  Geist
der  Masse  stützen  mußten,  wenn  sie  nationale  Fortschritte
machen  wollten.  In  kritischen  Seiten  der  Staaten  braucht  man  das
„Dolk“.  Wenn  später  sanfte  Friedenstage  kommen,  glaubt  man,  daß
man  die  Masse  nicht  brauche.  Sachsen  gab  nach  1866  sein  weitherziges
Landtagswahlrecht  und  verkürzte  es  nach  fast  50  Friedensjahren.  Wenn
die  Kanonen  schießen,  dann  werden  auch  älteste  Staatshäupter  sozial.
Es  war  die  Kriegszeit  1866—70,  die  dem  Reiche  sein  Wahlrecht  gab.
die  magna  charta  der  deutschen  Demokratie.

Die  Forderung  eines  auf  demokratischer  Grundlage  aufgebauten
Reichstages  gehörte  von  Anfang  an  zu  den  Streitpunkten  zwischen  Dreußen
und  Esterreich.  In  der  Denkschrift  des  preußischen  Staatsministeriums  an
den  Bundestag  vom  15.  September  1865  erklärte  Bismarck  für  die  wichtigste
  und  wesentlichste  Reform  der  Bundesverfassung  die  Einfügung  einer
ationalvertretung,  welche  berufen  sei,  „die  Sonderinteressen  der  einzelnen
Staaten  im  Interesse  der  Gesamtheit  Deutschlands  zur  Einheit  zu  vermitteln“,
  und  verlangte  im  Gegensatz  zu  der  von  Osterreich  unter  dem
Beifall  der  Mittelstaaten  in  Dorschlag  gebrachten  Delegiertenversammlung
„eine  Dersammlung,  die  aus  dem  ganzen  Deutschland  nach  dem  Maßstabe
der  Bevölkerung  durch  direkte  Wahlen  hervorgeht“.  Damit  gab  Bismarck
dem  herannahenden  Kriege  ein  nationaldemokratisches  Hiel  neben  dem
preußisch-dpnastischen  Swecke.  In  weiterer  Derfolgung  dieser  Politik
forderte  Dreußen  am  9.  April  1866  vom  Bundestage:  hohe  Bundesversammlung
  wolle  beschließen,  „eine  aus  direkten  Wahlen  und  allgemeinem
Stimmrecht  der  ganzen  Nation  hervorgehende  Dersammlung  einzuberufen,
um  die  VDorlagen  der  deutschen  Regierungen  über  eine  Reform  der
Bundesverfassung  entgegenzunehmen  und  zu  beraten“.  Eine  weitere
Sirkulardepesche  bezeichnet  die  Zestimmung  des  Tages  für  die  Susammen=4