Die Türkei 285
geschildert. Er sollte im Interesse Persiens dessen Finanzwesen reorganisicren.
Da das aber nicht dem russischen Interesse entsprach, mußte
er weichen. Er sagt unter anderem: Russia is now (April 30/1912) the
sovereign power in Persia. She is the practical and elffective ruler of
the country. The whole of Persia is to-day a safrapy. The poeples ho-Wever
brutaly treated, have no means of protest. Fear, daily sickening
fear of the prison, noose, and torture, is the force with which Russia
governs (S. 236). Schuld daran ist aber nach Shusters Meinung die
englische Politik, die ans Angst vor Deutschland alle Ideale britischer
Asienpolitik verleugnet: „British prestige has suffered all over
the world, and the English People are openly dissatisfied because they
can no longer appear as the friend of weak and struggling nations.“ Das
haben eben damals auch die Türken begrissen. Das Interesse des britischen
Weltreiches, so wie es nach 1907 vom Foreign Officc verstanden
wurde, forderte eine Aufteilung der Türkei; denn bei dem unerhört
schnellen Vordringen Rußlands in Persien war der Persische Golf bedroht,
wenn man Rußland nicht nach den Dardanellen ablenkte. Arabien,
Mesopotamien, Südpersien an England, der Norden der Türkei
an Rußland, das war der Plan, der die moskowitischen Idcale erfullt
und gleichzeitig dic geschlossene britische Landverbindung Kairo-Kalkutta
verwirklicht hätte. Außerdem wurde damit Deutschlands Bestrebungen
in der Türkei der Todesstoß versetzt. Solche politische Ziele pflegen ja
nie in geradliniger Entwicklung erreicht zu werden; aber nur unter dem
Gesichtspunkt dieser letzten Ziele ist die englische Politik der Türkei
gegenüber zu begreifen. Das haben auch französische Beobachter offen
zugegeben. So sagt Reneè Pinon?) über England: Elle a pris hardimen
offensive, suscite les revoltes de lemen et du Hedjaz, donné asile en Egypte,
Pillustre auxk comités du „ärti national arabe“, envoyé en Mésopotamie
ingenieur Sir William Willcocks provoquéenfin P’incidentde Koweitetmis
à profit celui de Tabah. Alle diese Unternehmungen hatten das Ziel einer
Schwächung der Türkei. Was mit Agypten geglückt, sollte das bei anderen
arabischen Provinzen des osmanischen Rciches unmöglich sein?
Englands imperialistischer Drang und sein Einverständnis mit Rußland
machten cs politisch als Mentor der Türkei unmöglich, während
es von rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus als solcher prädestiniert
zu sein schien. Auch Frankreich, der älteste Freund der Pforte,
kam aus ähnlichen Gründen nicht in Fragc, obwohl seit den Tagen
Franz'l. der Gegensatz gegen Österreich beide Mächte häufig zusammengeführt
hattc, obwohl die Kapitulationen im wesentlichen aus fran-9)
Renk Pinon, I. Europe et ’Empire Ottoman, Paris 1908, S. 392.