Full text: Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

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April verwehrt werden würde; dass aber das passauer Volk den Zug nach Tirol 
[vor 20.] neuerdings versuche, ist erdichtet. An den Ueberfall der Stadt 
Prag hat er, Leopold, gar keine Schuld; er hat sich vielmehr 
bemüht, den schädlichen Einfall zu hindern und ist wie bekannt 
mehrmals vom Kaiser dem Kriegsvolk entgegengeschickt worden, um 
allen Tätlichkeiten zu wehren und das Volk zuräckzuhalten 1, — trotz 
alles Fleisses leider vergeblich. Die Verbitterung zwischen dem 
böhmischen und passauischen Kriegsvolk war zu tief eingewurzelt, 
weil die Böhmen mit ihren Schreiben gar scharf und grob waren; 
das wollten die Passauer nicht dulden, vielmehr ihren Vorsatz aus- 
führen, zumal sie glaubten, dem Kaiser damit wirklich zu dienen 
und ihn vor Gefahr zu retten. Er, L., selbst war nicht beim Einfall, 
ist erst einige Stunden später nach Prag gekommen und hat an 
dem Verlauf kein Gefallen gebabt.e. Nach dem Einfall wurde 
Frieden und Stillstand geboten und gehalten, der Eid geleistet und 
anderes verrichtet. Dass dabei vielfältige Unordnung vorlief, ist 
nicht ihm sondern den bösen Räten (bei denen längst eine Ver- 
änderung und Verbesserung bätte geschehen sollen) zuzumessen. Er 
hat zu beklagen, dass er durch diesen unglückseligen Handel seine 
Ersparnisse, Silbergeschmeide und Einkünfte darangesetzt und seine 
beiden Stifter so verderbt hat, dass sie sich in Jahren nicht erholen 
können ; obendrein hat er sich allerlei Verdacht gefallen lassen müssen. 
Wenn ihm nun auch die Güter und Einkünfte des Stiftes Passau 
entzogen werden (wozu die aus Wien ergangenen Verordnungen den 
Anfang machen), würde es ihm sehr beschwerlich fallen; doch will 
er sich in Ansehung der wahren Beschaffenheit der Sache eines 
andern getrösten. 
Als neulich der König von Wien nach Prag zog, hat der 
Kaiser ihm, Leopold, stark zugesprochen, dem König entgegenzuziehen 
und von der Reise abzuhalten.” Er hat sich aber damit entschuldigt, 
dass der König sich daran nicht kehren und sich von ihm nicht 
abhalten lassen werde. Bei dieser Gelegenheit hat er dem Kaiser 
auch eifrig geraten, sich mit dem König brüderlich zu vereinigen 
und demselben mehr als einem andern zu vertrauen. 
Leopold dankt seinem Bruder Ferdinand für die treuen Ermahnungen 
und hofft, sich ehestens in Graz einstellen zu können, wo dann 
das eine und andere desto besser beraten und beschlossen werden 
kann. Und da die Läufe sich immer gefährlicher erzeigen, % 
sollen die Herrn von Oesterreich nicht feiern sondern ehestens 
zusammenkommen, um weitere Gefahr zu verhüten; er wird gem 
dabei erscheinen und das seine tun, denn er hat nie etwas anderes 
gesucht als die Erhaltung des Hauses; am wenigsten hat er daran 
gedacht, die Ordnung der Nachfolge zu stören und den ältern Herrn 
ı Vgl. oben no. 57, 8.121, Anm.1 und Gindely, Kaiser Rudolf IL 
und seine Zeit, II., 196. 
” Vgl. oben no. 88, S. 196.