370 1611 150.
April verwehrt werden würde; dass aber das passauer Volk den Zug nach Tirol
[vor 20.] neuerdings versuche, ist erdichtet. An den Ueberfall der Stadt
Prag hat er, Leopold, gar keine Schuld; er hat sich vielmehr
bemüht, den schädlichen Einfall zu hindern und ist wie bekannt
mehrmals vom Kaiser dem Kriegsvolk entgegengeschickt worden, um
allen Tätlichkeiten zu wehren und das Volk zuräckzuhalten 1, — trotz
alles Fleisses leider vergeblich. Die Verbitterung zwischen dem
böhmischen und passauischen Kriegsvolk war zu tief eingewurzelt,
weil die Böhmen mit ihren Schreiben gar scharf und grob waren;
das wollten die Passauer nicht dulden, vielmehr ihren Vorsatz aus-
führen, zumal sie glaubten, dem Kaiser damit wirklich zu dienen
und ihn vor Gefahr zu retten. Er, L., selbst war nicht beim Einfall,
ist erst einige Stunden später nach Prag gekommen und hat an
dem Verlauf kein Gefallen gebabt.e. Nach dem Einfall wurde
Frieden und Stillstand geboten und gehalten, der Eid geleistet und
anderes verrichtet. Dass dabei vielfältige Unordnung vorlief, ist
nicht ihm sondern den bösen Räten (bei denen längst eine Ver-
änderung und Verbesserung bätte geschehen sollen) zuzumessen. Er
hat zu beklagen, dass er durch diesen unglückseligen Handel seine
Ersparnisse, Silbergeschmeide und Einkünfte darangesetzt und seine
beiden Stifter so verderbt hat, dass sie sich in Jahren nicht erholen
können ; obendrein hat er sich allerlei Verdacht gefallen lassen müssen.
Wenn ihm nun auch die Güter und Einkünfte des Stiftes Passau
entzogen werden (wozu die aus Wien ergangenen Verordnungen den
Anfang machen), würde es ihm sehr beschwerlich fallen; doch will
er sich in Ansehung der wahren Beschaffenheit der Sache eines
andern getrösten.
Als neulich der König von Wien nach Prag zog, hat der
Kaiser ihm, Leopold, stark zugesprochen, dem König entgegenzuziehen
und von der Reise abzuhalten.” Er hat sich aber damit entschuldigt,
dass der König sich daran nicht kehren und sich von ihm nicht
abhalten lassen werde. Bei dieser Gelegenheit hat er dem Kaiser
auch eifrig geraten, sich mit dem König brüderlich zu vereinigen
und demselben mehr als einem andern zu vertrauen.
Leopold dankt seinem Bruder Ferdinand für die treuen Ermahnungen
und hofft, sich ehestens in Graz einstellen zu können, wo dann
das eine und andere desto besser beraten und beschlossen werden
kann. Und da die Läufe sich immer gefährlicher erzeigen, %
sollen die Herrn von Oesterreich nicht feiern sondern ehestens
zusammenkommen, um weitere Gefahr zu verhüten; er wird gem
dabei erscheinen und das seine tun, denn er hat nie etwas anderes
gesucht als die Erhaltung des Hauses; am wenigsten hat er daran
gedacht, die Ordnung der Nachfolge zu stören und den ältern Herrn
ı Vgl. oben no. 57, 8.121, Anm.1 und Gindely, Kaiser Rudolf IL
und seine Zeit, II., 196.
” Vgl. oben no. 88, S. 196.