Full text : Dokumente aus den russischen Geheimarchiven.

bürgt.  Wenn  wir  «dureh  einen  Sieg  über  Deutschland  eine  Lage  herstellen
sollten,  die  derjenigen  nach  den  Napoleonischen  Kriegen  ähnlich  wäre,  warum
sollte  sich  dann  später  die  Reihe  der  glänzenden  Abkommen  nicht  erneuern:
desjenigen  von  Adrianopel,  von  Unkiar-Iskelesser  u.  a.,  welche,  wie  man  hoffen
darf,  so  zefaßt  sein  werden,  daß  sie  uns  nicht  aufs  neue  in  Konflikt  mit  den
Westmächten  bringen,  sondern  die  wirklichen  Bedürfnisse  Rußlands  vernünftig
befriedigen  werden.  ...

Ich  sehe,  «daß  ich  die  Gedanken  General  Alexejews  ein  wenig  mit  den
meinigen  vermeuge  und  die  letzteren  sehr  bestimmt  ausdrücke.  Obgleich
General  Alexejew  energisch  darauf  hinweist,  daß  er  durchaus  nicht  als  Vorkämpfer
  und  Begründer  der  Idee  eines  Friedens  mit  der  Türkei  auftreten  wolle,
so  hält  er  es  doch,  meiner  Überzeugung  nach,  im  Innern  seines  Herzens  für  das
Vorteilhafteste,  einen  solehen  Frieden  abzuschließen.

Einem  sölehen  Friedensschluß  stellen  sich  natürlich  viele  Schwierigkeiten
entgegen,  Aber  welche  großen  Fragen  werden  ohne  Schwierirkeiteu  gelöst?
Man  wird  der  öffentlichen  Meinung  erklären  müssen,  daß  sich  nicht  alles  auf
einmal  machen  lasse:  Rußland  von  der  deutschen  Hegemonie  befreien,  die  Östseeküste
  und  die  russischen  Gebiete  zurückerobern  und  gleichzeitig  Konstantinopel
eewinnen,  deun  mit  der  Gewinnung  Zargrads  sind  die  schwierigsten  politischen
und  sogar  geistiren  Aufgaben  verbunden.  Man  wird  auch  die  Türken  breitschlagen
  müssen.  Aber  auf  sie  kann  man  mit  Logik  und  der  Überredungskraft
des  Geldes  einwirken.  Ich  bin  der  Meinung,  daß,  wenn  der  Verlust  ihrer  Hauptstadt
  nicht  mehr  in  Frage  käme,  sie  leieht  davon  zu  überzeugen  sein  werden,  daß
sie  für  die  Deutschen  Kastanien  aus  lem  Feuer  holen  sollen.  -—-  [Ind  wer  der
Kraft  der  Logik  nicht  zugänglich  ist,  wird  das  in  der  Türkei  traditionelle
Argument  des  materiellen  Vorteils  begreifen.

Aber  cs  ist  noch  zu  früh,  über  diese  Einzelheiten  zu  sprechen.  Jetzt  ist
die  Hauptsache:  1.  das  tatsächliche  Ziel  des  Krieges  festzustellen;  2.  im  Zusammenhang
  mit  der  Klarstellung  dieses  Zieles,  ohne  den  günstigen
Zeitpunkt  zu  verpassen,  dieFrage  einesSonderfriedens
  mit  den  Türken  zu  entscheiden:  und  3.  die  öffentliche  Meinung
(die  Reichsduma  wird  übermorgen  zusammentreten)  und  unsere  Verbündeten
auf  diese  Wendung  vorzubereiten,

Am  Schlusse  dieses  langen  Briefes  kann  ich  nur  noch  hiuzufügen,  daß  sowohl
  General  Alexejew  als  ich  selbst  die  Gefühle  über  Konstantinopel  vollkommen
  teilen.  die  alle  Russen  begeistern,  und  daß  wir  der  Lösung  der  Orientfrage
  im  Sinne  der  sbistorischen  Mission  Rußlands«  nicht  gleichgültig  gegenüberstehen,
  sondern  den  aufrichtigen  Wunsch  hegen,  klarzustellen,  was  praktisch
  möglich  ist  und  was  gegenwärtig  (wir  wollen  hoffen,  nur  gegenwärtig)
nicht.  möglich  ist,  d.h.  wir  wollen  in  politischen  Fragen  das  Gefühl  den  Vernunftsgründen
  unterordnen,  Teh  hitte  Sie,  hochverehrter  Sergej  Dimitriewitsch.
den  Gefühlen  meiner  aufrichtigen  Verehrung  und  Ergebenheit  zu  glauben.

(Rotb.  Heft  I  Nr.  5.)  gez.  N.  Kudaschew.