Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

862  Pereinigte  Staaten  von  Nordamerihs  und  Kemads.  (Januar  22.)

Freundschaft  zwischen  den  Völkern  geben.  Der  freie,  beständige  und  un.
gehinderte  Verkehr  der  Nationen  untereinander  ist  ein  wesentlicher  Teil
jeder  friedlichen  und  gedeihlichen  Entwicklung.  Auch  braucht  weder  die
Bestimmung  noch  die  Herstellung  der  Freiheit  der  Meere  mit  besonderc
Schwierigkeiten  verknüpft  zu  sein,  wenn  die  Regierungen  der  ganzen  Weiden
  aufrichtigen  Wunsch  hegen,  zu  einem  Einvernehmen  darüber  zu  gelangen.
  Es  ist  ein  Problem,  welches  in  engem  Zusammenhang  sieht  mu
der  Einschränkung  der  Flottenrüstungen  und  mit  der  gemeinsamen  Aufrechterhaltung
  der  Freiheit  und  Sicherheit  der  Meere  durch  die  Flotten  der
ganzen  Welt.  Und  die  Frage  der  Einschränkungen  der  Flottenrüstungen
eröffnet  die  umfassendere  und  vielleicht  schwierigere  Frage  der  Einschränkung
der  Landheecre,  sowie  der  militärischen  Rüstungen  überhaupt.  Man  muß
diesen  Fragen,  schwierig  und  heikel  wie  sie  sind,  ganz  offen  ins  Gesich:
sehen  und  bei  ihrer  Entscheidung  eine  wirklich  entgegenkommende  Gesinnung
belätigen,  soll  der  Friede  auf  seinen  Schwingen  Heilung  bringen  und  seinen
Wohnsitz  dauernd  bei  uns  aufschlagen.  Ohne  Zugeständnisse  und  Opfer
(without  concession  and  Ssacrifice)  ist  der  Friede  nicht  zu  haben.  Die
Nationen  können  nie  zu  einem  Gefühl  der  Sicherheit  und  Gleichheit  kommen,
wenn  auch  fernerhin  in  diesem  oder  jenem  Lande  große  und  alle  Berhölktnisse
  übersteigende  Rüstungen  vorgenommen  und  aufrecht  erhalten  werden.
Die  Staatemänner  der  ganzen  Welt  müssen  für  den  Frieden  wirken,  und
die  Nationen  müssen  ihre  Politik  darauf  einstellen  und  danach  einrichten,
ganz  ebenso  wie  sie  bisher  für  den  Krieg  gewirkt  und  sich  zu  erbarmungslosem
  Kampf  und  Wettstreit  gerüstet  haben.  Keine  andere  mit  dem  künftigen
Geschick  der  Nationen  und  der  Menschheit  verknüpfte  Frage  ist  von  so  unmittelbar
  und  intensiv  praktischer  Bedeutung  wie  die  Frage  der  Rüstungen,
zu  Lande  wie  zu  Wasser.

Ich  habe  über  diese  wichtigen  Dinge  ganz  rückhaltlos  und  eingehend
geredet,  weil  mir  das  nötig  erschien,  wenn  das  innige  Sehnen  der  Welr
nach  Frieden  irgendwo  zu  Worte  und  zu  einer  freien  Aussprache  kommen
sollte.  Vielleicht  bin  ich  die  einzige  hochgestellte  Persönlichkeit  in  allen
Ländern  der  Welt,  die  in  der  Lage  ist,  zu  reden,  ohne  irgendetwas  zu
verschweigen.  Ich  rede  zunächst  für  mich  selbst,  und  doch  rede  ich  natürlich
zugleich  auch  als  das  verantwortliche  Oberhaupt  eines  großen  Staates:
und  ich  bin  von  der  Ueberzeugung  durchdrungen,  daß  ich  nur  gesagt  habe,
was  das  amerik.  Volk  von  mir  zu  hören  erwartete.  Darf  ich  hinzufügen,
daß  ich  hoffe  und  glaube,  daß  ich  eigentlich  für  die  freiheitlich  und  menschlich
  Gesinnten  in  allen  Ländern  rede,  für  alle,  welche  die  Freiheit  in  irgendeinem
  Sinne  auf  ihr  Programm  gesetzt  haben?  Gern  gäbe  ich  mich  dem
Glauben  hin,  daß  ich  auch  für  die  zum  Schweigen  verurteilte  große  Masse
allerorten  rede,  für  alle  die,  denen  bisher  noch  keine  Befugnis  und  Gelegenheit
  vergönnt  worden  ist,  ihre  wirklichen  Gefühle  über  den  Tod  und
die  Vernichtung  Ausdruck  zu  geben,  von  denen  sie  jetzt  die  Menschenwesen
und  die  Heimstätten,  die  ihnen  das  Teuerste  wuren,  heimgesucht  sehen.
Und  wenn  ich  der  Erwartung  Ausdruck  verleihe,  daß  das  Volk  und  die
Regierung  der  Ver.  St.  unter  den  bereits  genannten  Bedingungen  zusammen
mit  den  übrigen  zivilisierten  Nationen  die  Bürgschaft  für  die  ständige  Dauer
des  Friedens  übernehmen  werden,  so  tue  ich  das  um  so  unbedenklicher  und
zuversichtlicher,  als  es  jedem  denkenden  Menschen  klar  sein  muß,  daß  dieses
Versprechen  keinen  Bruch  mit  unserer  nationalen  Tradition  oder  Politik
bedeutet,  sondern  vielmehr  eine  Erfüllung  alles  dessen,  wofür  wir  je  eingetreten
  sind  und  was  wir  je  erstrebt  haben.

Ich  bringe  mithin  in  Vorschlag,  daß  die  Nationen  sich  einstimmig
zur  Doktrin  des  Präsidenten  Monroe  bekennen  und  sie  zur  Doktrin  der