Full text : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

Die  Jugendbewegung.  161

unterstützte  alle  im  Rahmen  des  gesellschaftlichen  Lebens  seiner  Mitgleder
  liegenden  Interessen.  (So  bildete  er  literarische  Zirkel,  einen

ammermufikkreis,  einen  ständigen  Ausschuß  für  Kriegsspiele,  eine
photographische  Kommission  und  einen  Ausschuß  für  Heideforschung,
er  cthnologische  und  geologische  Sammlungen  anlegte.)  —  Der
Wandervogel  dagegen  lehnte  das  Debattieren  und  jede  spezialisierte
und  differenzierte  Beschäftigung  ab.  Er  „wollte“  nichts,  sondern  er
„erlebte“  und  „wuchs“  —  in  Absichtslosigkeit.  Instinktiv  suchte  und
fand  er  Anschluß  an  die  bodenständige  bäuerliche  Kultur,  grub  er
verschüttete  Schätze  der  Vergangenheit  aus,  sammelte  und  sang  die
alten  Volkslieder  und  entriß  damit  einen  Teil  echter  mittelalterlicher
deutscher  Kunst  und  Kultur  der  Vergessenheit.  So  pflanzte  der
Wandervogel  eine  bodenständige  Heimatliebe,  die  weit  abliegt  vom
Massen-  und  Hurrapatriotismus  und  die,  weil  sie  persönlich  und
unmittelbar  erlebt  ist,  das  ganze  Tun  und  Denken  des  Menschen  erfaßt
  und  durchdringt.  Der  Wanderverein  betonte:  Organisation  des
Geisteslebens,  Beherrschung  des  Werkzeugs,  eine  höhere  Zivilisation;
der  Wandervogel:  Pflege  deutschen  Empfindens  und  Gemüts,  möglichste
  Ausschaltung  des  Werkzeugs  und  eine  echtere  Kultur.  Beide
Jugendgemeinschaften  bildeten  durch  mehrere  Jahre  hindurch,  voneinander
  völlig  unberührt,  ihre  Eigenart  aus,  und  als  sie  dann  zusammentrafen,
  stießen  sie  sich  zuerst  ab.  Eine  Synthese  begann  erst,
als  auf  den  Universitäten  Abkömmlinge  beider  Gemeinschaften  in  der
akademischen  Freischar  zusammentrafen.  Die  Freischar  war  von
Wanderern  gegründet  worden  (die  erste  Gemeinschaft  am  19.  Februar
1906  in  Göttingen)  und  stellte  ursprünglich  eine  Verschmelzung  der
Wandervereinsidee  mit  dem  überlieferten  Korporationsprinzip  dar.  Hier
kam  die  erste  fruchtbare  Berührung  zwischen  Wanderern  und  Wandervögeln
  zustande,  und  von  hier  aus  erfolgten  nachher  alle  Bestrebungen,
  durch  Vereinigung  der  beiden  Wurzeln  eine  Gemeinschaft
höherer  Ordnung  zu  schaffen.

Auf  dem  Arolsener  Bundestage  1908  des  Wandervogels
  Deutscher  Bund,  des  Vorläufers  des  jetzigen  größten  Wandervogelbundes,
  wurde  zuerst  beschlossen,  daß  alle  Wandervogelgruppen
Aufbauten  nach  Art  der  Wandervereine  bekommen  sollten,  während
auf  der  anderen  Seite  der  Bund  Deutscher  Wanderer,  der  inzwischen
aus  dem  Hamburger  Wanderverein  hervorgewachsen  war,  eine  ganze
Reihe  von  Jugendgruppen  dem  Wandervogel  angliederte.  Nur  der
Bund  der  Wanderer  konnte  in  der  Folgezeit  seiner  Verpflichtung  nachkommen.
  Der  Wandervogel  aber  verbrauchte  alle  seine  organisatorische
  Kraft  zu  Einigungsbestrebungen  mit  noch  abseits  stehenden
Wandervogelgruppen,  und  so  unterblieben  die  geplanten  Aufbauten
der  Alterengruppen.

Es  hat  dann  wieder  Jahre  gedauert,  bis  der  Einigungsgedanke
erneut  nach  Verwirklichung  drängte.  Aus  dem  Wandervogel  heraus
entstand  inzwischen,  unabhängig  von  den  Freischaren,  aber  diesen
nächstverwandt,  eine  neue  akademische  Korporation:  die,
Vereinigung“  in  Marburg.  Durch  die  Mitgliedschaft  älterer  Wandervögel
  wurden  auch  andere  akademische  Gruppen  vom  Bunde  ab-Schriften

  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt.  N.  F.  Nr.  18.  11