Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechzehnter Jahrgang. 1900. (41)

230  FKrankriich.  (August  18.—  September  3.)

der  zivilisierten  Staaten  schimpflich  verletzt  wurden,  die  Züchtigung  der
Schuldigen  zu  erzwingen  und  ihm  die  eklatante  Genugthuung  für  das  Vergangene
  sowie  alle  nötigen  Bürgschaften  für  die  Zukunft  vorzuschreiben.
Diese  Fahnen  werden  euch  auch  sagen,  daß  in  der  zum  Schutze  der  Ziodilisation
  gebildeten  internationalen  Armee  die  Franzosen  unter  niemandem  an
Manneszucht,  Ausdauer  und  Mut  zurückstehen  dürfen.

18.  August.  (Paris.)  Präsident  Loubet  verteilt  die  den
Ausstellern  verliehenen  Preise  und  hält  folgende  Ansprache:

Ich  danke  allen  Mitarbeitern  bei  der  Ausstellung  für  ihre  Beihilfe.
Ich  sehe  mit  Bedauern  die  Stunde  des  Schlusses  der  Ausstellung  herannahen,
  aber  unser  Trost  ist  der  Glaube,  daß  der  Geist  dieses  vergänglichen
Werkes  das  Werk  selbst  überleben  werde.  Die  Ausstellung  wird  dazu  gedient
  haben,  zwischen  den  Regierungen  und  Völkern  die  dauerhaftesten  Beziehungen
  und  Bande  herzustellen.  Das  Ausland  konnte  feststellen,  daß
Frankreich  das  Land  des  Friedens  und  der  Arbeit  geblieben  ist.  Die  zwischen
  den  Gästen  Frankreichs  und  uns  hergestellten  Beziehungen  find  durchdrungen
  von  dem  Vertrauen,  das  sich  auf  die  Anerkennung  des  Verdienstes
und  Wertes  der  betreffenden  Völker  gründet.  Zahlreiche  Kongresse,  auf
welchen  über  die  Probleme  der  moralischen  und  materiellen  Besserung  der
Gesellschaft  beraten  wurde,  gestatten  es,  festzustellen,  daß  alle  Völker  zum
Ideal  der  Gerechtigkeit  und  Solidarität  hindrängen,  zum  sozialen  Fortschritt.
  Die  Ausstellung  von  1900  wird  der  Solidarität  eine  neue  kraftvolle
  Ausdehnung  verleihen.  Die  Solrdarität  wird  in  der  Zukunft  den
Triumph  der  Gewalt  vergänglicher  machen,  sie  wird  zu  einer  freundschaftlichen
  Regelung  internationaler  Konflikte  und  zur  Befestigung  des  Friedens
führen;  sie  wird  nicht  alle  Uebel  und  Mängel  beseitigen,  welche  schlechte
Leidenschaften  zu  Tage  fördern  können,  aber  sie  wird  gestatten,  aus  nächster
Nähe  das  Ziel  ins  Auge  zu  fassen,  auf  welches  alle  edeldenkenden  Herzen
Kastuhen-  Herabminderung  des  Elends  und  Verwirklichung  der  Brüderlichkeit.


Ende  August.  (Marseille.)  Streik  der  Hafenarbeiter.

3.  September.  (Rambounillet.)  Der  russfische  Botschafter
Fürst  Urussow  überreicht  dem  Präfidenten  Loubet  den  Andreasorden
  mit  folgendem  Handschreiben  des  Zaren:

Herr  Präsident,  sehr  teurer  und  großer  Freund!  Die  Gefühle,  die
Ich  für  Sie  persönlich  hege,  und  die  Bande  herzlicher  Freundschaft,  welche
Frankreich  und  Rußland  verknüpfen,  haben  Mir  den  Wunsch  eingegeben,
Sie  in  Meinen  kaiserlichen  St.  Andreasorden  aufzunehmen,  dessen  Infignien
Sie  gleichzeitig  mit  diesem  Schreiben  erhalten  werden  Es  ist  Mir  ganz
besonders  angenehm,  Ihnen  diesen  Beweis  Meiner  Hochachtung  in  einem
Augenblick  anzubieten,  da  das  zwischen  Frankreich  und  Rußland  so  glücklich
hergestellte  Einvernehmen  mehr  als  je  seinen  wohlthätigen  Einfluß  nicht
nur  auf  die  unmittelbaren  Interessen,  sondern  auch  auf  die  Erhaltung  des
Weltfriedens  üben  kann,  an  dem  uns  beiden  sehr  gelegen  ist.

Mit  aufrichtiger  Teilnahme  habe  Ich  die  Erfolge  der  glänzenden
Ausstellung  beobachtet,  auf  die  Frankreich  mit  Recht  stolz  ist,  und  Ich
brauche  Ihnen  nicht  die  Versicherung  zu  geben,  daß  Ich  mit  der  Kaiserin
tief  bedauere,  gegenwärtig  Paris  nicht  besuchen  zu  können.  Ob  nah  oder
fern,  sind  Wir  aber  gewöhnt,  an  allem  teilzunehmen,  was  Frankreich  betrifft,
  und  Wir  freuen  Uns  daher  doppelt  über  alles,  was  ihm  zum  Ruhme
gereichen  und  sein  Gedeihen  fördern  kann.