Full text : Das Staatsrecht der Preußischen Monarchie. Erster Band. (1)

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Träger  und  Organe  der  Staatsgewalt.  (8.  24.)

gilt  unzweifelhaft  in  betreff  der  regelmäßigen  Wahlen;  es  muß  aber  auch  angenommen
werden,  daß  im  Falle  einer  Auflösung  des  Abgeordnetenhauses  die  Legislaturperiode  von
dem  Tage  der  Wahl  des  neuen  Hauses  an  neu  zu  berechnen  sei,  nicht  aber  von
der  Wahl  des  aufgelösten  Hauses  an,  dergestalt,  daß  beide  Versammlungen  zusammen
nur  fünf  Jahre  zu  sitzen  hätten.  Die  Verfassungsurkunde  enthält  zwar  keine  ausdrückliche
Bestimmung  hierüber;  allein  für  die  Annahme,  daß  in  allen  Fällen  jedes  neu  gewählte
Haus  der  Abgeordneten  eine  fünfjährige  Legislaturperiode  hat,  sprechen  folgende  Gründe:
a)  der  Art.  73  der  Verfassungsurkunde  setzt  die  Legislaturperiode  fest,  ohne  zwischen
den  beiden  Fällen  der  regelmäßigen  und  einer  außerordentlichen  Wahl  einen  Unterschied
zu  machen;  b)  indem  der  Art.  51  der  Verfassungsurkunde  dem  König  das  Recht  der
Auflösung  des  Abgeordnetenhauses  beilegt,  geschieht  dies  in  der  Absicht,  um  den  König

Wahlen  folgenden  Landtages,  den  Anfangspunkt
  der  jedesmaligen  Legislaturperiode
  bildet.  Hierfür  spricht  auch  der
Grund,  daß  die  Verf.  Urk.  nur  einen  Zeitraum
kennt,  für  dessen  Dauer  die  Abgeordneten  gewählt
werden  (nämlich  für  die  Dauer  der  Legislaturperiode),
  wogegen  sie  nirgends  nach  Landtagen
rechnet.  Als  normierend  ist  aber  derjenige  Tag
anzusehen,  auf  welchen,  zufolge  des  §.  28  des
Wahlges.  v.  30.  Mai  1849,  die  Wahl  der  Abgeordneten
  von  dem  Min.  des  Inn.  für  das  ganze
Land  festgesetzt  wird.  Schon  mit  dem  Wahltage
beginnt  das  Mandat  der  Abgeordneten,  und  dieses
auf  den  Wahlen  beruhende  Mandat  dauert  für  den
verfassungsmäßig  auf  fünf  Jahre  festgesetzten
Zeitraum  der  Legislaturperiode;  es  ist  also  jeder
Gewählte  für  diesen  Zeitraum  vom  Tage  des
ihm  durch  die  Wahl  erteilten  Mandats  an  und
nicht  für  einen  über  diesen  Zeitraum  sich  hinauserstreckenden
  Zeitraum  legitimiert.  Solchergestalt
  hat  das  Gesetz  den  Zeitraum  bestimmt,
mit  welchem  das  Mandat  beginnt,  beziehungsweise
  abläuft,  wogegen  es  in  erheblichem  Umfange
  im  Belieben  der  Staatsregierung  liegen
würde,  den  Beginn  und  den  Ablauf  des  Mandates
  der  Abgeordneten  zu  bestimmen,  wenn
man  den  Tag  der  ersten  Einberufung  für  normierend
  erachten  wollte.  Das  Mandat  wird
verliehen  durch  die  Wahl;  darum  muß
es  auch  vom  Wahltage  ab  alsrechtlich
vorhanden  angenommen  werden.  Die
Staatsregierung  hat  indes  abweichend  hiervon
angenommen,  daß  die  Dauer  der  Legislaturperiode
  von  dem  Tage  an  zu  berechnen  sei,
an  welchem  nach  den  allgemeinen  Wahlen  die
erste  Einberufung  des  neugewählten  Abgeordnetenhauses
  stattgefunden  hat.  In  dieser
Beziehung  berichtet  Metzel  (Handbuch  für  das
preuß.  H.  H.,  3.  Ausg.,  S.  46,  u.  4.  Ausg.,
I,  S.  60,  in  der  Note  zum  Art.  73  der  Verf.
Urk.),  daß  diese  Begrenzung  der  Legislaturperiode
  auch  verfassungsmäßige  (oder,  wie  es
in  der  4.  Ausg.  heißt,  „ohne  einen  Widerspruch
  seitens  eines  der  beiden  Häuser  des  Landtages
  thatsächliche“)  Anerkennung  gefunden
habe.  Derselbe  teilt  hierüber  Folgendes  mit:
„In  dem  (sjetzt  aufgehobenen)  Art.  66  der  Verf.
Urk.  v.  31.  Jan.  1850  war  der  Zeitpunkt,  mit
welchem  die  vormalige  Erste  Kammer  nach  ihrer
Neubildung  in  Wirksamkeit  treten  sollte,  auf  den
7.  Aug.  1852  festgesetzt.  Dieser  Zeitpunkt  wurde
deshalb  gewählt,  weil  die  am  27.  Juli  1849
erwählte  Erste  Kammer  auf  den  7.  Aug.  1849

zusammenberufen  worden  war  und  die  Rechtsansicht
  zur  unbestrittenen  Geltung  kam,  daß  deshalb
  der  Anfangstermin  der  beiden  am  7.  Aug.
zu  einer  neuen  Legislaturperiode  zusammengetretenen
  Kammern  von  diesem  Tage  an  und  nicht
von  dem  der  Wahl  ab  anhebe.  Nach  diesem  Vorgange
  ist  es  auch  nicht  in  Zweifel  gekommen,
daß  die  beiden  Häuser  des  Landtages  der  Legislaturperiode
  1855—58,  welche  am  12.  Nov.
1855  zu  einer  neuen  Legislaturperiode  zusammengetreten
  waren,  ein  vollkommen  gültiges
Mandat  für  den  auf  den  20.  Okt.  1858  berufenen
  außerordentlichen  Landtag  und  dessen

Zweck,  die  Notwendigkeit  der  Regentschaft  anzuerkennen,

  besäßen,  obwohl  die  Wahlen  für  das
Abgeordnetenhaus  bereits  am  8.  Okt.  1855
stattgefunden  hatten.  Die  durch  diese  beiden
angeführten  Vorgänge  thatsächlich  festgestellte
Rechtsübung  ist  auch  für  alle  späteren  Fälle  der
Berechnung  der  Legislaturperiode  maßgebend
geworden.“  Daß  das  Staatsministerium  von
dieser  Ansicht  ausgeht,  ergiebt  sich  aus  dessen
unterm  4.  Okt.  1873  an  den  König  erstatteten
Bericht,  betr.  die  (durch  die  Vdg.  v.  5.  Okt.  1873,
G.  S.  1873,  S.  457)  angeordnete  Auflösung
des  Hauses  der  Abgeordneten.  In  diesem  Berichte
  heißt  es  nämlich:  „Das  gegenwärtige  Haus
der  Abgeordneten  ist  am  14.  Dez.  1870  zum
erstenmal  zusammengetreten.  Nach  Art.  73  der
Verf.  Urk.  v.  31.  Jan.  1850  erlischt  desbalb
das  Mandat  desselben  mit  dem  14.  Dez.  1873“
(vgl.  D.  Reichs=  u.  Preuß.  Staatsanz.  Jahrg.
1873,  Nr.  239).  Aus  diesen  Vorgängen  ergiebt
sich  also  unzweifelbaft,  daß  es  die  Meinung  des
damaligen  Staatsministeriums  war,  daß  der  Be-Linn
  der  jedesmaligen  Legislaturperiode  vom

age  der  ersten  Einberufung  des  neugewählten
Abgeordnetenhauses,  und  nicht  vom  Tage  der
allgemeinen  Wahlen  an  zu  berechnen  sei.  Aber
diese  Ansicht  des  Staatsministeriums,  und  selbst
die  darauf  gegründeten  Präcedenzien  können  nicht
entscheidend  sein,  um  —  wie  Metzel  annimmt
—  als  verfassungsmäßige  Anerkennung  zu  gelten.
  Selbst  der  Umstand,  daß  die  Frage  bis
jetzt  nicht  zum  Gegenstande  der  Erörterung  im
Abgeordnetenhause  gemacht  worden  ist,  kann
nicht  entscheidend  sein,  sondern  es  kann  nicht
bestritten  werden,  daß  die  Frage  in  der  Verfassung
  jedenfalls  nicht  ausdrücklich  im  Sinne
des  Staatsministeriums  entschieden  ist,  und  daß
nach  dem  Geiste  der  Verfassung  die  entgegengesetzte
  Meinung  den  Vorzug  verdient.  Eine  verfassungsmäßige
  Erledigung  der  Frage  würde