Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1892. (26)

1786

I  —  22  —

Flöte.  Erst  um  Mitternacht  ging  er  zu  Bett;  „denn  nichts,“  sagte  er,  „hat
mehr  Ähnlichkeit  mit  dem  Tode  als  der  Müßiggang.“

2.  Leutseligkeit.  Alljährlich  im  Mai  machte  der  König  Reisen  durch  sein
Land,  musterte  die  Truppen  und  sah  nach,  ob  alle  seine  Beamten  ihre  Schuldigkeit
taten.  Auf  der  Reise  hatte  jedermann  Zutritt  zu  ihm  und  durfte  ihm  seine
Bitte  oder  Klage  vortragen.

Einst  kam  er  durch  Schlesien.  Als  die  Pferde  gewechselt  wurden,  drängte  sich  ein
altes  Mütterchen  dicht  an  den  Wagen.  „Mütterchen,  was  wollt  Ihr?“"  fragte  der  König
sehr  leutselig.  „Nur  Sie  sehen  und  weiter  nichts,“  versetzte  sie  treuherzig.  Der  König
nahm  einige  Goldstücke  aus  der  Tasche  und  gab  sie  der  Alten  mit  den  Worten:  „Liebe
Mutter,  hier  auf  den  Dingern  könnt  Ihr  mich  ansehen,  so  lange  und  so  oft  Ihr  wollt;
aber  jetzt  habe  ich  keine  Zeit  mehr,  mich  länger  ansehen  zu  lassen.“

3.  Die  letzte  Regierungszeit.  Bis  in  sein  höchstes  Alter  war  Friedrich
für  sein  Land  tätig,  und  eine  seiner  größten  Sorgen  war  jetzt,  seinem  Lande
den  Frieden  zu  erhalten.  Gegen  jedermann  war  er  leutselig,  und  so  war  er  der
Liebling  seines  ganzen  Volkes  geworden.  Gewöhnlich  nannte  man  ihn  den
„alten  Fritz“.  Es  war  für  die  Berliner  stets  ein  festliches  Ereignis,  wenn  er
in  die  Stadt  geritten  kam.  Die  Bürger  traten  aus  den  Türen  und  grüßten
ehrerbietig,  und  er  erwiderte  jeden  Gruß,  indem  er  den  Hut  abzog.  Nicht  selten
liefen  viele  Kinder  vor  und  neben  ihm  her,  riefen  ihm  Lebehochs  zu,  warfen  ihre
Mützen  jubelnd  empor,  wischten  ihm  auch  wohl  den  Staub  von  den  Stiefeln
und  trieben  sonst  allerlei  Possen.  Friedrich  störte  nie  ihre  Freude.  Nur  wenn
sie  sein  Pferd  neckten,  daß  es  scheu  ward,  stieß  er  wohl  einige  Drohungen  aus,
ritt  dann  aber  ruhig  weiter.

Als  es  einst  die  Buben  gar  zu  arg  machten,  erhob  er  seinen  Krückstock  und  gebot
ihnen  drohend:  „Schert  euch  in  die  Schule,  ihr  Buben.“  Diese  aber  riefen  ihm  jubelnd
zu:  „Etsch,  der  will  König  sein  und  weiß  nicht  einmal,  daß  Mittwochnachmittag  keine
Schule  ist!“  (Gedicht:  Mittwochnachmittag.)

Im  Jahre  1786  starb  der  große  König.  Als  ein  Bauer  in  Schwaben  davon
hörte,  rief  er  aus:  „Wer  wird  denn  nun  die  Welt  regieren?“

7.  Friedrich  Wilhelm  II.  1786—1797.
Wahlspruch:  „Aufrichtig  und  standhaft.“

1.  Milde.  Friedrich  d.  Gr.  hatte  keine  Kinder.  Sein  Brudersohn  bestieg
daher  nach  ihm  den  Thron.  Dieser  war  gütig  und  wohlwollend  gegen  jedermann.
Das  zeigte  sich  besonders  den  Soldaten  gegenüber.  Seit  dem  alten  Dessauer  war
der  Stock  in  der  Armee  zur  Herrschaft  gelangt.  Die  Soldaten  wurden  selbst
bei  leichten  Vergehen  gescholten,  gestoßen,  geohrfeigt,  mit  dem  Stocke  geprügelt
und  nicht  selten  mit  der  blanken  Klinge  geschlagen.  Auch  das  Spießrutenlaufen
war  an  der  Tagesordnung,  besonders  bei  eingefangenen  Ausreißern.  (S.  14.)
Das  alles  wollte  der  König  nicht  mehr  dulden.  Schon  ein  Jahr  vor  dem  Tode
Friedrichs  d.  Gr.  war  eine  Verordnung  erschienen,  die  diese  harte  Behandlung
der  Soldaten  streng  verbot.  Darin  hieß  es:  „Der  König  hat  keine  Schlingel,
Canaillen,  Hunde,  Kroppzeug  in  seinen  Diensten,  sondern  rechtschaffene  Soldaten,
von  denen  viele  ebensogut  sind  als  wir.“  Und  nach  diesem  Grundsatze  wollte
auch  Friedrich  Wilhelm  II.  die  Soldaten  behandelt  wissen.