154 Buch III. Kap. 4.
Diese und andere „heilige Dummheit“, kraft welcher das
Christenthum, die bekannte „Religion der Liebe“, es
glücklich dahin brachte, seine edleste Heldin, die schöne,
keusche, fromme und begeisterte Jeanne d'Ark, als Zau—
berin und Teufelsbuhlin zu verbrennen, — sie hat übri—
gens noch heutzutage eine unendlich viel größere Gemeinde
als die Vernunft und ganz gewiß haben die Hexenbrenner
nur im Sinn und Geist ihrer Zeit gehandelt, als sie
zur größeren Ehre Gottes ihr frommes Geschäft began—
nen. Im Verlaufe der Jahre freilich hat dann die ur—
sprüngliche Lauterkeit dieses Fanatismus zweifelsohne
etwelche Trübungen erfahren. Denn zu dem mörderischen
Glaubenseifer gesellte sich eine nicht minder mörderische
Habsucht. Der Umstand, daß das Vermögen der „Eingeäscherten“
eingezogen wurde und zu zwei Dritteln den
Grundherrn, zu einem Drittel den Richtern, Geistlichen,
Angebern und Henkern zufiel, hat ohne Frage unzählige
Hexenbrände angefacht. Wenn ein so schrecklicher Gegenstand
einen leichtfertigen Ton vertrüge, würden wir sagen,
daß die Menschen auch im Hexenproceß das Nützliche mit
dem Angenehmen zu verbinden suchten. Dem frommen
Wahn gesellte sich die kaltblütige Berechnung: Was trägt
die Sache ein? Die religiöse Phantasie des Volkes hatte
den Webstuhl gezimmert, auf welchem das ungeheuerliche
hunderten lasten solche Nebel und werden immer dichter und dichter;
die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit, die Vernunft
scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa zurückgekehrt
zu sein und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht gelingt,
seine Rechte durchzusetzen.“