Metadata : Blätter für Rechtsanwendung. LXXII. Band. (72)

202  Rechtsprechung.

Mutter,  die  23jährige  Kontoristin  Sch.  als  Vormund  zu  bestellen,  es  hat  vielmehr
  am  19.  Juli  1906  auf  anderweiten  Vorschlag  des  Gemeindewaisenrats  den
Goldarbeiter  M.  in  München  als  Vormund  in  Pflicht  genommen.  Die  hiergegen
von  der  Kindsmutter  erhobene  Beschwerde  ist  vom  Landgericht  I  als  unzulässig
verworfen  worden.  Auf  weitere  Beschwerde  erachtet  das  K.  Oberste  Landesgericht
  zu  München  die  landgerichtliche  Entscheidung  zwar  insofern  für  unzutreffend,
  als  es  die  Zulässigkeit  der  Beschwerde  aus  §  57  Nr.  9  des  Freiw.  Gerichtsbarkeitsgesetzes
  anerkennt.  Es  will  indessen  die  Beschwerde  zurückweisen,  da  die
einmal  erfolgte  Bestellung  des  Vormundes  durch  das  Rechtsmittel  nicht  angefochten
  werden  könne.  Hieran  sieht  es  sich  durch  Entscheidungen  des  Kammergerichts
  zu  Berlin  vom  13.  Mai  1901  (Entsch.  in  Angelegenheiten  der  freiwilligen
Gerichtsbarkeit  u.  s.  w.  Bd.  2  S.  113  ff.)  und  des  Oberlandesgerichts  Jena  vom
28.  Mai  1903  (Rechtsprechung  der  Oberlandesgerichte  Bd.  7  S.  205  ff.)  verhindert
und  hat  deshalb  die  weitere  Beschwerde  gemäß  §  28  des  Gesetzes  über  die  Angelegenheiten
  der  freiwilligen  Gerichtsbarkeit  dem  Reichsgericht  vorgelegt.

Das  Reichsgericht  ist-—  abweichend  von  dem  Königlich  Bayerischen
  Obersten  Landesgericht  —  der  Ansicht,  daß  die  Beschwerde
der  Marie  Sch.  gegen  die  Bestellung  des  M.  zum  Vormund  ihres  unehelichen
Sohnes  August  vom  Landgericht  München  I  mit  Recht  als  unzulässig  verworfen
worden  ist.

Die  Beschwerde  stützt  sich  auf  die  Vorschriften  des  §  1779  Abs.  2  des  BG.
und  des  §  57  Abs.  1  Nr.  9  des  Freiw.  Gerichtsbarkeitsges.  und  verfolgt  den  Zweck,
daß  unter  Aufhebung  der  Verfügung  des  Vormundschaftsgerichts  vom  19.  Juli
1906  die  Mutter  zum  Vormund  ihres  Kindes  bestellt  werde.  Das  BGB.  bezeichnet
in  den  §§  1776  bis  1778  diejenigen  Personen,  welche  ein  Recht  darauf  haben,
zum  Vormunde  bestellt  zu  werden.  Dazu  gehört  die  uneheliche  Mutter  des  zu
bevormundenden  Kindes  nicht.  Ist  eine  der  gesetzlich  zur  Vormundschaft  berufenen
Person  übergangen,  so  gewährt  ihr  der  §  60  Nr.  1  des  Freiw.  Gerichtsbarges.
das  Rechtsmittel  der  sofortigen  Beschwerde.  Nach  §  18  Abs.  2  desselben  Gesetzes
ist  das  Gericht  zu  der  Aenderung  einer  Verfügung,  die  der  sofortigen  Beschwerde
unterliegt,  nicht  befugt.  Im  Hinblick  auf  diese  Lage  der  Gesetzgebung  ist  es  von
vornherein  nicht  anzunehmen,  daß  anderen  Personen,  die  einen  gesetzlichen  Anspruch
  auf  die  Uebertragung  der  Vormundschaft  nicht  haben,  das  Recht  eingeräumt
  sein  sollte,  eine  Vormundsbestellung  wegen  eines  eigenen  angeblichen
Vorrangs  vor  dem  gewählten  Vormunde  mit  der  gewöhnlichen  Beschwerde  anzufechten
  und  damit  zunächst  das  Gericht  zu  der  Prüfung  zu  veranlassen,  ob  etwa
eine  Aenderung  der  von  ihm  verfügten  Vormundsbestellung  angezeigt  sei  (518
Abs.  1  FG.-G.).  Dies  würde  mit  der  Erwägung  unvereinbar  sein,  die  den  Gesetzgeber
  bei  der  Vorschrift  des  §  60  geleitet  hat,  daß  nämlich  Verfügungen,  die  die
Grundlage  für  die  gesamte  vormundschaftliche  Verwaltung  oder  doch  für  die
Tätigkeit  des  einzelnen  Vormundes  bilden,  nicht  zeitlich  unbeschränkten  Beschwerden
ausgesetzt  werden  sollen  (Denkschrift  S.  51—85  der  Heymann'schen  Ausgabe).

Die  jetzt  zur  Erörterung  stehende  Beschwerde  will  im  Gegensatze  hierzu  die
Befugnis  der  Marie  Sch.,  die  erfolgte  Vormundsbestellung  anzufechten,  mit  der
ausgesprochenen  Absicht,  selbst  zum  Vormunde  bestellt  zu  werden,  aus  der  Vorschrift
  des  §  57  Abs.1  Nr.9  a.  a.  O.  herleiten.  Es  mag  nun  dahingestellt  sein,
ob  die  Bestellung  des  Vormunds  überhaupt  als  eine  „Verfügung,  die  eine  Entscheidung
  über  eine  die  Sorge  für  die  Person  des  Kindes  oder  des  Mündels  betreffende
  Angelegenheit  enthält",  im  Sinne  dieser  Gesetzesvorschrift  angesehen
werden  kann.  Die  Entstehungsgeschichte  der  von  der  Reichstagskommission  in
den  §  57  eingeschalteten  Nr.  9  spricht  dagegen;  denn  man  hat  in  der  Kommission