Full text : Demokratie und Kaisertum.

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mit  zehren.  Selbst  wenm  heute  alle  alten  Aristokratien  gebrochen  sein
würden,  so  würde  aus  der  demokratischen  Masse  heraus  sofort  ein  Teil
als  neue  getrennte  Aristokratie  sich  formieren.  Im  Heerzug  der  Dölker
sind  stets  einige  Geschwader  an  der  Spitze.  Man  kämpft  um  den  ersten
Dlatz.  Auch  Demokraten  wollen  nach  vorn  kommen.  Die  Geschichte  des
bürgerlichen  Liberalismus  ist  ein  einziges  fortlaufendes  Beispiel  dieses
Strebens  nach  oben.  Wer  ganz  oben  ist,  wird  satt  und  matt.  Die  besten
Kämpfer  sind  die,  die  der  Oberstufe  am  nächsten  sind,  ohne  zu  ihr  zu
gehören.  Im  Kampf  ums  Dasein  wird  deshalb  die  demokratische  Masse
desto  weiter  voran  kommen,  je  fester,  besser,  härter  ihre  eigene  Aristokratie
ist,  ihre  tragfähige,  politisch  lernfähige,  für  verwickeltere  Staatsprobleme
empfängliche  Oberschicht.  Diese  Oberschicht  übernimmt,  getragen  von
der  weiten,  großen,  dunklen  Masse,  die  unter  ihr  ist,  den  Kampf  gegen
die  alten  Aristokratien.  Um  gegen  Gerüstete  zu  kämpfen,  muß  man
selber  gerüstet  sein.  Und  um  kämpfen  zu  können,  braucht  sogar  die
Demokratie  noch  mehr  Überläufer,  Hilfsmittel,  Sustrom  aus  den  alten
Aristokratien,  als  sie  bis  heute  hat.

Es  ist  unmöglich,  daß  die  neu  entstehende  industrielle  Masse  sich  eine
eigene  ganz  neue  Welt  schafft.  Sie  muß  in  die  Welt  eintreten,  in  die
sie  hineingeboren  wird,  und  muß  von  ihren  Schätzen  und  Künsten  möglichst
viel  für  sich  zu  gewinnen  trachten.  Sie  kann  kein  neues  Wissen  und  Denken
aus  der  Erde  stampfen.  Auch  der  große  Denker,  dessen  Kopf  die  Stuben
der  Sozialdemokraten  ziert,  war  Glied  der  geistigen  Aristokratie  des  Bürgertums.
  Er  selbst  kannte  seinen  Ursprung  von  Hegel  und  Feuerbach,  seine
Bereicherung  durch  St.  Simon  (der  zwar  Sozialist,  aber  kein  Hroletarier
war)  und  Ricardo  am  besten.  Was  er  dachte,  war  das  Denken  des
geistig  hochstehenden  radikalen  Bürgertums  der  vierziger  Jahre,  angewendet
auf  den  Gedanken  der  proletarischen  Revolution.  Er  war  aristokratischer
Überläufer,  Aristokrat,  ja  fast  Autokrat  in  der  Beherrschung  seines  Denkgebietes.
  Was  von  Marx  gilt,  gilt  von  Engels.  Daß  Lassalle  auch
als  Derson  starke,  aristokratische  Süge  hatte,  braucht  nicht  bewiesen  zu
werden,  und  wenn  er  „ausgerüstet  mit  der  ganzen  Bildung  des  Jahrhunderts“
  unter  die  Arbeiter  trat,  so  war  es  eben  die  Bildung  der  alten

Herrenschicht,  die  er  mitbrachte,  um  mit  ihr  Arbeiterpolitik  zu  denken.
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