Contents : Deutschlands auswärtige Politik 1888-1914.

Dle  englische  Handelseifersucht  —  Das  erste  Flottengesetz.  91

 

die  burischen  Germanen  der  Anglisierung  entziehen  zu  können.  Die  von
der  deutschen  Politik  hier  angestrebte  „Solidarität  der  Festlandmächte“
zeigte  sich  als  Phantom:  weil  dieses  Mal  das  Problem  ein  überseeisches
war,  und  weil  Deutschland  sich  nicht  dem  Zweibunde  anschloß  wie  in  Ostasien,
  sondern  vom  Zweibunde  Unterstützung  in  einer  Frage  verlangte,
die  eine  europäische  werden  konnte,  dabei  an  und  für  sich  der  russischen
Politik  gleichgültig  war.

Zn  dem  vielmaschigen  Kausalnetze  der  auswärtigen  Politik  mit  ihren
Macht-  und  Wirtschaftsfragen  wird  man  bei  jeder  neuen  Erscheinung,
bei  jedem  neu  auftretenden  Momente  nicht  eine  einzige  Ursache,  sondern
eine  ganze  Anzahl  zu  suchen  haben.  Sie  häufen  sich  und  verstärken  einander,
  bis  schließlich  der  letzte  „Tropfen“  kommt.  Woher  dieser  kommt
und  wie  er  beschaffen  ist,  pflegt  gemeinhin  nicht  von  besonderer  Wichtigkeit
  zu  sein.  Ein  englischer  Seeoffizier  schreibt  in  seiner  preisgekrönten
Arbeit  über  das  Wesen  der  Seeherrschaft  das  Folgende:

„Wir  (Großbritannien)  ziehen  nicht  in  den  Krieg  aus  sentimentalen
Gründen.  Ich  zweifle,  ob  wir  das  jemals  taten.  Krieg  ist  das  Ergebnis
von  Handelestreitigkeiten;  seine  Ziele  sind,  dem  Gegner  diejenigen  Handelsbedingungen
  durch  unser  Schwert  aufzuzwingen,  welche  wir  als  notwendig
  erachten  zum  Vorteile  unseres  Handels.  Wir  lassen  alle  Arten
von  Kriegsursachen  gelten,  aber  zugrunde  liegt  ihnen  allen  der  Handel.
Ob  die  Ursache  des  Krieges  die  Verteidigung  oder  der  Erwerb  einer  strategischen
  Position  sein  mag,  ob  der  Bruch  von  Berträgen  oder  was  sonst
noch  —  alle  Ursachen  führen  sich  auf  den  Handel  als  gemeinsame  Wurzel
zurück,  aus  dem  einfachen  und  schlagenden  Grunde,  weil  der  Handel
unser  Lebeneblut  ist!s#

Unter  diesem  Gesichtspunkte  müssen  wir  auch  die  nach  außen  bin
ironischen  und  verächtlichen,  im  Grunde  aber  beunruhigten  und  besorgten
Kommentare  der  britischen  Presse  verstehen,  als  Kaiser  Wilhelm  Anfang
  1896  jene  Rede  bielt:  das  Deutsche  Reich  sei  ein  Weltreich  geworden,
es  gelte  nun,  die  Deutschen  außerhalb  der  Grenzen  des  Reiches  mit  diesem
fest  zusammenzuschließen.  Eine  objektive  und  billige  Beurteilung  konnte
in  jenen  Worten  des  Kaisers  nichts  Bedrohliches,  auch  keine  Eroberungspläne
  finden,  vielmehr  nur  Richtlinien  für  naturgegebene  und  deehalb
legitime  Bestrebungen  eines  wachsenden  und  handeltreibenden  Volkes.
Das  aber  war  es  gerade,  was  Großbritannien  als  eine  „Herausforderung“
und  Bedrohung  seiner  vitalen  Interessen  erschien,  und  um  diesen  eigentlichen
  Grund  der  Beunruhbigung  zu  verbergen,  schob  man  Deutschland,
vor  allem  dem  Deutschen  Kaiser,  napoleonische  Eroberungspläne  unter.
Die  Aufregung  über  diese  vermeintlichen  Pläne  war  künstlich  und  in  sich
unwahr.  Hätten  sie  bestanden,  so  würde  am  allerwenigsten  Großbritannien