— 229 —
deutsche Proletariat. Beide werden erst frische Luft atmen, neue Schritte
tun können, wenn sie noch einmal dort anfangen, wo sie im Februar vor
14 Jahren standen. Noch immer heißt die Sukunftslosung für unser
Daterland „soziales Kaisertum“! Ist dieses gefunden, dann fällt die
Erinnerung an alles Mißtrauen und alle Enttäuschung der Dergangenheit
in sich zusammen, dann redet niemand mehr vom „inneren Feind“, dann
aber klingt es aus Millionen deutscher Seelen, die jetzt die Mitfreude am
WMachtwachstum der Nation sich selbst verbieten, dann klingt es aus den
Städten, die das moderne Leben fassen, dann klingt es vom Schacht, vom
Steinbruch, aus der Arbeiterversammlung, ungewohnt, aber von Derzen:
Es lebe der Haiser! Eine Heriode einheitlicher industrieller und freiheitlicher
Gesetzgebung beginnt, ein Ausarbeiten aller der Anlagen, die in der
deutschen Reichsgründung enthalten sind. Mag dann der Osten knurren
und brüllen, der Westen und Süden hat dann erst ganz seinen Koaiser
gefunden. Wie er eines Tages in Dortmund stand, so steht er dann stets,
umgeben von der Masse derer, in deren Augen das neue Jahrhundert
glüht. Der Schwerpunkt Deutschlands wird von rechts der Elbe nach
links der Elbe verlegt. Wie aber bisher der Osten dem Westen seine
Gesindeordnung aufzuprägen suchte, so wird dann Westen und Süden die
große schöne Aufgabe übernehmen, ein Landprogramm für den Osten
auszuführen: Bauerngut an Bauerngut bis an die russische Grenzel
Der Kaiser hat von der Sozialdemokratie gesagt, sie sei „eine vorübergehende
Erscheinung“ und werde sich „austoben“. Dorübergehend ist
nicht die Arbeiterbewegung, die mit dem Dolkswachstum steigt, vorübergehend
aber ist hoffentlich der Geist der Drinzipienreiterei, der keine Gegenwartspolitik
macht, weil er ins endlos ferne Haradies der neuen Gesellschaft
starrt. Dorübergehende Erscheinungen sind Suchthausvorlagen und
ähnliches einerseits und undeutsche Dolitik andererseits, aber bleibende
Erscheinungen sind die Armee und die Masse, der Kaiser und die
Demokratie. Im Bunde werden sie das Beste leisten können, was in
Deutschland überhaupt möglich ist, und ihr Gusammenschluß bringt neuen
Saft in den alten Baum des deutschen Liberalismus.