Contents : Gesetzsammlung für die Fürstlich Reußischen Lande Jüngerer Linie. Sechster Band. 1843-1846. (6)

welche  gleichsam  mit  instinktmäßigem  Vertrauen  auf  die  einmal  eingeschlagene
Kichtung  sich  durch  keine  herkömmliche  Form  binden  läßt,  vor  Allem  das  Gute
will,  und  deshalb  ohne  irgend  einen  Umweg  zur  Ausführung  schreitet,  freilich
auch  ohne  sich  vor  den  schroffsten  Verletzungen  dessen,  was  ihm  in  den  Weg
tritt,  im  Geringsten  zu  scheuen.  Man  kann  nicht  sagen,  daß  Friedrich  Wilhelm  I.
zum  Herrscher  geboren  war,  denn  es  fehlle  ihm  jede  Vorstellung  von  der  politischen
  Bedeutung  des  jungen  Königsstaates,  den  er  zu  regieren  berufen  war,
in  dem  Gewirre  des  internationalen  Treibens  der  europäischen  Mächte;  dagegen
erfaßte  er  mit  wahrer  Genialität  Alles,  was  zur  inneren  Förderung  desselben  als
nächstes  Bedürfniß  hervortrat.  In  dieser  Beziehung  zeigte  er  ebensoviel  Scharfblick
  als  Willenskraft.  Daher  ist  es  kein  Wunder,  wenn  ein  solcher  Fürst  die
verschiedensten  Beurtheilungen  erfährt  —  wir  unsererseits  wollen  das  unvergänglich
  Gute,  welches  der  preußische  Staat  ihm  verdankt,  hervorheben,  ohne
mit  einer  die  geschichtliche  Wahrheit  verletzenden  Parteilichkeit  über  die  Mängel
hinwegzugehen.

Seltsam  verschieden  erscheint  Friedrich  Wilhelm  J.  von  seinen  beiderseitigen
Eltern,  die  wiederum  an  Gaben  und  Neigungen  so  wesentlich  von  einander  abwichen.
  Wenig  Annäherung  fand  zwischen  ihm  und  dem  Vater  statt,  was  aus
der  Natur  desselben  hinlänglich  zu  erklären  ist;  etwas  näher  stand  er  der  ungezwungneren
  Mutter,  mit  deren  überwiegend  wissenschaftlich  -dsthetischem  Sinne
jedoch  ebenfalls  keine  große  Sympathie  bei  dem  Prinzen  hervortreten  konnte,
welcher,  obschon  voll  natürlichen  Verstandes  und  mit  gutem  Gedächtniß  begabt,
weder  lernen  wollte,  um  das  Herkömmliche  zu  leisten,  noch  um  den  Geist  zu
schmücken,  sondern  sich  nur  zu  dem  verstand,  was  ihm  unmittelbar  für  seinen
Beruf  nützlich  erschien.  Allein  dankbar  war  ihr  gewiß  der  junge  Prinz,  wenn
sie  ihm  gleichaltrige  Spielkameraden  zuwies,  und  dem  Knaben  dann  ungebunden
freie  Bewegung  erlaubte,  wohl  oft  gegen  den  Willen  des  prinzlichen  Erziehers,
Alerander  von  Dohna,  der  sich  in  seiner  Weise  eher  dem  Kurfürsten  näherte.

Früh  schon  stellte  sich  bei  dem  Prinzen  die  Neigung  für  das  Soldatenwesen
  heraus,  und  sein  größtes  Vergnügen  bestand  darin,  Knaben  in  der  üblichen
Weise  einzuerereiren,  und  sich  so  eine  Art  Leibcompagnie  zu  bilden.  Zu  diesem
Zwecke  verwandte  er  auch  sein  Taschengeld.  Sonst  zeigte  er  schon  früh  die
Reigung  zu  einer  solchen  Sparsamkeit,  daß  die  Mutter,  welche,  ohne  die
Prunksucht  ihres  Gemahls  zu  theilen,  doch  das  Leben  zu  edel  auffaßte,  über
dem  Gedanken,  ihr  Sohn  könnte  ein  Geizhals  werden,  in  große  Besorgniß
gerieth.  Begreiflich  ist  es,  wie  Sophie  Charlotte,  um  ihren  Sohn  von  solcher
Richtung  zu  entfernen  und  ihm  Sinn  für  edlere  Form  des  Lebens  einzuflößen,
ihn  in  die  Gesellschaft  von  gebildeten  Frauen  zu  bringen  suchte;  doch  gelang
ihr  diese  Absicht  nicht,  denn  der  junge  Prinz  trat  dabei  sehr  abstoßend  auf,
und  gefiel  sich  nur  im  Umgange  mit  seinen  männlichen  Altersgenossen.

Nun  wünschte  die  Königin  ihn  wenigstens  durch  Reisen  in  das  Ausland
zu  bilden,  und  wirkte  hierzu,  so  schmerzlich  ihr  auch  die  Trennung  von  ihrem