Contents : Tagebuchblätter. Dritter Band. (3)

26  Siebenundzwanzigstes  Kapitel  19.  Febr.  1881

man  sich  billig  verwundern  kann,  daß  Herr  Camphausen  so  wenig
Selbsterkenntnis  und  Gedächtnis  besaß,  sich  nicht  zu  erinnern,  welch
ein  Rabenvater  er  den  von  der  französischen  Kriegsentschädigung
übriggebliebnen,  unter  seiner  geringen  Befähigung  zu  nutzbarer  An—
legung  dieser  ungeheuern  Summe  vertrockneten  und  verflüchtigten
Millionen  gewesen  war.  Auch  daran  konnte  er  denken,  daß  er,
nachdem  er  den  Kanzler  jahrelang  mit  dessen  Anregung  zur  Steuerreform
  hingehalten,  zuletzt  mit  einer  Tabaksteuer  kam,  die  nicht  zu
gebrauchen  war  und  nur  von  neuem  seine  schwache  Befähigung  in
wirtschaftlichen  Dingen  darthat.

„Aber  lassen  wir  ihn  liegen,  wo  ihn  die  Erwiderung  des  von
ihm  Angegriffnen  hingeworfen,  und  sehen  wir  uns  einige  andre
Gegner  des  Fürsten  bei  der  großen  Debatte  an.]  Graf  Lippe  war
der  erste,  der  der  Versuchung,  sein  Mütchen  zu  kühlen,  unterlag
und  mit  größter  Schärfe,  Bitterkeit  und  Gehässigkeit  gegen  die  Regierung
  in  die  Schranken  ritt,  der  er  ehedem  angehört  hatte.  Ihm
folgte  auf  gleicher  Bahn  der  frühere  Finanzminister  von  Bodelschwingh,
  der  sich  dadurch  ein  langdauerndes  Andenken  gesichert
hat,  daß  er  bei  Beginn  des  letzten  Krieges  mit  Osterreich  erklärte,
die  Mittel  zur  Löhnung  der  Armee  seien  nur  bis  Ende  der  nächsten
Woche  vorhanden.  Ahnliche  Wege  wandelte  der  ehemalige  Ministerpräsident
  von  Manteuffel.  Daneben  suchten  Unterstaatssekretäre
a.  D.  durch  die  Schärfe  ihrer  Angriffe  der  Regierung  nahe  zu
legen,  daß  ihre  Befähigung  zu  noch  höhern  Stellen  von  ihr  verkannt
  worden  sei.  Die  Minister  Camphausen  und  Friedenthal  haben
diese  Tradition  in  betrübender  Weise  wieder  aufleben  lassen,  nachdem
  dieser  wie  jener  aus  eignem  Entschlusse  unter  schwierigen  Verhältnissen
  aus  dem  gegenwärtigen  Kabinette  ausgeschieden  war,  und
dem  letztern  die  Weiterführung  der  von  ihm  selbst  angefangnen
Werke  und  die  Verantwortlichkeit  für  das  Gelingen  derselben  überlassen
  hatte.

„Harte  Worte  für  ein  solches  Verfahren  drängen  sich  uns  in
die  Feder.  Wir  wollen  sie  nicht  gebrauchen,  ldas  Publikum  mag
die  rechte  Bezeichnung  für  eine  solche  Handlung  selbst  finden,  und
es  wird  sie  finden;  denn]  es  gilt  im  gewöhnlichen  Leben  nicht  für
ein  Zeichen  edel  angelegter  Naturen,  denen  Steine  in  den  Weg  zu
legen  lund  in  die  Räder  zu  greifen],  die  schwerwiegende  Aufgaben