Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1900. (34)

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Er  war  auch  ein  wahrhaftig  frommer  Mann,  wie  er  ganz  ein  tapferer
und  redlicher  Mann  war,  aber  selbst  in  ernsten  Gesprächen  führte  er
Gott  selten  im  Munde,  niemals  im  Maule.  Nichts  war  von  ihm  verhaßter
  als  Maulchristen,  ja  selbst  Mundchristen  wurden  ihm  leicht  verdächtig
  als  Gleisner  und  Scheinheilige.  Er  nannte  sich  einen  frommen
Christen,  und  er  war  es;  er  pries  sich  auch  darin  glücklich,  daß  er  durch
seine  Eltern  ein  Lutheraner  war.  Seine  Ahnen  hatten  im  Dreißigjährigen
Kriege  genug  für  ihren  Doktor  Martin  gelitten  und  waren  von  Schlössern
und  Gütern  verjagt  und  im  Jahr  1650  wieder  hergestellt  worden.  Er
pflegte  so  in  seiner  kurzen  Weise  zu  sagen:  „Doktor  Luther  hat  uns  den
Weg  und  Eintritt  in  den  Himmel  gottlob  etwas  kürzer  gemacht,  da  er
die  vielen  Hofmarschälle,  Zeremonienmeister  und  Türhüter  des  Himmelspalastes
  weggeschafft  hat.  Sie  wissen,  ich  liebe  das  Kurze,  wenn  der
Weg  auch  oft  etwas  abschüssig  und  gefährlich  ist.“  —  Er  glaubte  das
Erlösungswerk  des  Lutherschen  Katechismus,  aber  die  Mundchristen
mochte  er  nicht,  welche  den  Namen  Heiland  und  Erlöser  leicht  im
Munde  führen;  schwer  und  ernst  führte  er  ihn  auch  bei  Gelegenheit  im
Munde.  „Das  ist  ein  Geheimnis,  wobei  einem  verworrener  wird,  je
mehr  man  darüber  schwatzt  und  klügelt;  vor  einem  Geheimnis  steh'  ich
still,  daran  glaube  ich,  aber  von  Gott  weiß  und  fühle  ich  was.“  Gott
und  nur  Gott  war  immer  nur  sein  einfaches  Wort.

Ich  habe  Stein  im  Hause  und  in  der  Familie  nicht  beten  gesehen;
wenn  man  zuweilen  in  der  Frühe  in  sein  Studiolo  kam,  wo  unter  den
weltlichen  Büchern  etwa  die  Bibel,  ein  Gesangbuch  usw.  aufgeschlagen
lag,  flugs  machte  er  es  zu  und  legte  es  weg.  Er  haßte  und  verachtete
in  allen  Dingen  den  Schein,  wie  vielmehr  den  Schein  des  Scheins.

Rührend  und  wahrhaft  erbaulich  ist  mir  der  Mann  gewesen,  als
ihm  sein  Gemahl  heimgegangen  war,  und  er  da  unter  seinen  Töchtern
einsam  saß  mit  dem  Gefühl,  daß  er  nun  allein  ihr  irdischer  und  himmlischer
  Führer  und  Wegweiser  durchs  Leben  sein  solle,  wie  er  da  mild  und
freundlich  und  still  wie  ein  Kind  von  himmlischen  Dingen  zuweilen  ein  Wörtchen
  mit  ihnen  sprach  und  seine  gewaltige  Natur  bändigte  und  sänftigte.

Ja,  er  sah  und  glaubte  Gott  in  allem,  und  wenn  das  erste  Ungestüm
  seines  Herzens  gestillt  war,  dann  ergab,  besänftigte  und  erheiterte
  er  sich.  Es  ist  gewiß,  dieser  sehr  ernst  und  stark  geborene
Mensch  hat  wie  sein  großer  Schulmeister  Doktor  Martin  Luther  wohl
von  Jugend  auf  Gott  als  einen  Gewaltigen  und  Gottes  Geschicke  als
gewaltige  Dinge  gefühlt.  Ich  sage:  das  ist  gewiß,  denn  er  hat  mir
hundertmal  die  augenscheinlichen  und  handgreiflichen  Zeichen  davon  gegeben.
  Wann  wir  auf  unsern  Spaziergängen  einem  armen,  gebückten
Alten,  einem  unglücklichen  Krüppel  oder  irgend  einem  jämmerlichen
Bettler  begegneten,  der  nach  dem  gnädigen  Freiherrn  die  Hände  ausstreckte,
  so  holte  dieser  Freiherr,  der  für  solche  Fälle  fast  immer  etwas

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