284 Die Haltung Bayerns. Gräfin Montijo. Rothschild. Alarmgerüchte. Prokesch.
teilung des Grafen Buol zugegangen ist, nach welcher letzterer nochmals den Versuch
gemacht hat, die Kabinette von München und Stuttgart dahin zu disponieren, daß sie
jede Sondererklärung zu dem gedachten Protokolle fallen lassen. Herr von Schrenck, mit
dem ich vertraulich über diesen Gegenstand gesprochen, sagt mir: Er halte es nicht für
unmöglich, daß seine Regierung auf derartige Wünsche eingehe, nachdem sie ihren „Zweck"
erreicht habe. Dieser Zweck sei lediglich gewesen, den Großmächten den Beweis zu
liefern, daß Bayern, obschon es sich keineswegs in den Rang der Großmächte eindrängen
wolle, doch glaube verlangen zu können, daß da, wo man seine Mitwirkung wünsche, dieselbe
rechtzeitig und unter Darlegung der zur Beurteilung der Sache nötigen Verhältnisse
nachgesucht werde. Bayern könne sich nicht gefallen lassen, daß man es mit den
kleinsten deutschen Staaten auf gleicher Linie behandle und ihm zumute, daß es seine
Gesandten lediglich dahin instruiere, zu stimmen, wie Preußen und Österreich stimmen
würden.
Gestern fand bei mir ein offizielles Diner statt, welchem sämtliche Bundestagsgesandten,
die höheren Beamten des Bundes und die bei letzterem akkreditierten Gesandten
und Geschäftsträger in Uniform beiwohnten; von den hier bei der Stadt akkreditierten
Diplomaten hatte ich aus Rücksicht auf meine Eigenschaft als substituierter Gesandter für
Österreich den Freiherrn von Menßhengen eingeladen. Ein Toast findet bei Diners dieser
Art herkömmlich nicht statt und unterblieb daher auch gestern.
Während des Diners kam die telegraphische Nachricht von den Gerüchten über die
Vermählung des Kaisers mit der Gräfin Montijo hier an. Aus der Art, wie Herr von
Tallenay dieselbe aufnahm und als willkommen schilderte, darf ich schließen, daß er ein
solches Ereignis wenigstens nicht für unmöglich hält ..
*302. Nachschrift zu einem Schreiben an Minister v. Manteuffel.
(Eigenhändig.)
(21. Januar 1853?).
P. Sc. Die Rothschilds scheinen etwas einpfindlich über die Andeutung, die ich ihnen
gemacht habe, daß E. E. nicht abgeneigt gewesen seien, ihnen eine Auszeichnung zuzuwenden,
daß aber der Finanzminister über das Verhalten des Hauses in jüngster Zeit bei
Sr. Majestät geklagt habe. Sie bebaupten nicht zu wissen, welchen Grund das haben
könne.
Kaufmännische Nachrichten behaupten, daß man in Frankreich still und anhaltend
Rüstungen vorbereite und daß in 4 Wochen nach erhaltenem Befehl 300 000 Mann den
Rhein mit allen Kriegserfordernissen bei Straßburg überschreiten könnten. relata resero.
Die Abschrift der Correspondenzen über die Ernennung des Herrn von Prokesch
habe ich gestern mit Dank erhalten. Graf Buol kann wenigstens nicht sagen, daß E. E.
nicht volllkommen deutlich sich ausgesprochen hätten. Prokesch wird gewiß bemüht sein,
so lange es ihm gelingt, sein unliebenswürdiges Naturell zu zügeln, den Beweis zu liefern,
wie sehr man ihn verkannt hat. Den großen Vortheil hat sein Herkommen für uns,
daß fast alle Regirungen seine Ernennung für einen Fehler und für eine Unfreundlichkeit
gegen uns ansehn und bei vorkommendem Zwist geneigt sein werden, ihm die Schuld beizumessen.