Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1887. (14)

320  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Napoleon  die  Angelegenheit,  die  bisher  durchaus  vertraulich
betrieben  war,  zu  unterbreiten  und  dessen  Zustimmung  zu  erwirken.
  Aber  er  machte  unvorsichtigerweise  schon  vorzeitig  dem
französischen  Gesandten  Mercier  Mitteilung;  so  wurde  bereits
am  3.  Juli  die  ganze  Angelegenheit  in  Paris  bekannt  und  verursachte
  eine  gewaltige  Erregung  der  französischen  Nationalempfindlichkeit.


Am  4.  Juli  wurde  das  auswärtige  Amt  in  Berlin  von
dem  französischen  Geschäftsträger  (der  Gesandte  Benedetti
weilte  in  Wildbad)  befragt.  Bismarcks  Vertreter,  der  Unterstaatssekretär
  von  Thile,  gab  die  Antwort,  daß  die  preußische
Regierung  von  der  Angelegenheit  nichts  wisse;  wie  es  auch
zutraf,  da  die  Frage  der  Annahme  der  Wahl  von  dem  Könige
lediglich  als  Familiensache  behandelt  worden  war,  die  weder
Preußen  noch  den  Rorddeutschen  Bund  etwas  anging,  bei  der
es  sich  eben  nur  um  die  persönliche  Beziehung  des  Kriegsherrn
zu  einem  deutschen  Offizier  und  des  Hauptes  nicht  der  königlich
preußischen,  sondern  der  hohenzollernschen  Gesamtfamilie  zu  den
Trägern  des  Namens  Hohenzollern  handelte.  In  diesem  Sinne
war  auch  vom  Könige  bei  frühern  Anfragen  des  Prinzen  Leopold
  die  Sache  behandelt  worden.

In  Frankreich  suchte  man  nach  einer  Demütigung  Preußens,
wenn  nicht  nach  einem  Kriegsfalle,  besonders  seitdem  im  Mai
1870  der  deutschfeindliche  klerikale  Herzog  von  Gramont
Minister  des  Auswärtigen  war.  Demgegenüber  riet  Bismarck
am  5.  Juli  dem  König  telegraphisch,  sich  eine  ruhige  Auffassung
der  Lage  zu  bewahren.

Schon  in  der  Anfrage,  mit  der  man  von  Paris  aus  am
4.  Juli  die  preußische  Politik  zur  Rede  gestellt  hatte,  lag  eine
Unverschämtheit.  Diese  wurde  zur  bedrohenden  Beleidigung
durch  Herausforderungen  der  französischen  Presse  und  durch  die
Stellungnahme  des  Ministeriums  Gramont-Ollivier  im  gesetzgebenden
  Körper.  Am  6.  Juli  äußerte  sich  Gramont  auf  eine
Interpellation  hin:  „Wir  glauben  nicht,  daß  die  Achtung  vor
den  Rechten  eines  Nachbarvolkes  uns  verpflichtet,  zu  dulden,  daß
eine  fremde  Macht  einen  ihrer  Prinzen  auf  den  Thron  Karls  V.