Schian: Die christlichen Kirchen im Weltkrieg. — Below: Militarismus
III. Hie orthodore Kirche.
Auch die dritte große christliche Konfession, die
orthodoxe, wird vom Krieg stark berührt. Der
Zusammenhang zwischen Rußland und dem Slawentum
des Balkans, der beim Kriegsausbruch eine so
verhängnisvolle Rolle spielte, gründet sich ja nicht
bloß auf die Verwandtschaft des Volkstums, sondern
auch auf die der Religion. Rußlands Sehnsucht nach
Konstantinopel ist nicht ausschließlich in dem Wunsch
nach freier Zufahrt zum warmen Meer begründet;
sie ruht auch in der geschichtlichen Tatsache, daß Konstantinopel
die alte Ha tstadt der morgenländischen
Kirche war. Die russische Kirche, geleitet vom Heil.
Synod, hat denn auch die nationale Sache in jeder
Weise zu stüten, zugleich aber rücksichtslos ihre eigene
Sache zu fördern gesucht. Die Lage der Andersgläubigen
in Rußland, namentlich auch der (deutschen)
Evangelischen, wurde während des Krieges geradezu
unhaltbar; in den Ostseeprovinzen überschritten die
Dranglalierungen evangelischer Pastoren jedes Maß.
Lediglich die ungeheure Größe der Gesamtereignisse
verursacht es, daß von diesen Dingen verhältnismäßig
wenig die Rede ist. Von Gewissens= und
Glaubensfreiheit ist Rußland zur Zeit weiter entfernt
als je. Daß Bischof Demetrius von Taurien und
Simferopol in einem besonderen Hirtenbrief zur Liebe
und Duldsamkeit gemahnt hat, sei ausdrücklich erwähnt;
am Gesamturteil ändert es nichts. — Zwischen
dem orthodoxen Patriarchat in Konstantinopel und
der türkischen Regierung war kurz vor dem Krieg
ein lebhafter Streit entbrannt, in dessen Verlauf das
erstere die Kirche als in Verfolgung befindlich erklärt
und die Schließung von Kirchen und Schulen angeordnet
hatte. Bald nach Beginn des Weltkriegs
(4. August 1914) wurde diese Maßregel rückgängig
gemacht. Daß der Krieg die Gestaltung der orthodoxen
Kirchen auf dem Balkan, insbesondere auch die
Stellung des Patriarchats in Konstantinopel, in vielen
wichtigen Stücken beeinflussen wird, steht außer
Frage; doch hängt die Art, wie das geschehen wird,
natürlich vom Ausgang des Krieges ab. Sehr wichtig
ist, daß die Türken mit der Aufhebung der sog.
Kapitulationen 1914 auch die weitreichenden Privilegien
des ökumenischen Patriarchats in Konstantinopel.
die den ihm unterstehenden Christen auch zivilrechtlich
eine Sonderstellung gaben, außer Geltung
gesetzt zu haben scheint.
Die kurze Üübersicht zeigt, in welch hohem Grade
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die christlichen Kirchen Europas vom Weltkrieg berührt
werden. Noch sind die aus dieser Berührung
sich ergebenden Entwicklungen im Fluß, ja in den
Anfängen. Der weitere Verlauf der Dinge wird
weifellos den engen Zusammenhang, in dem auch
für daschristliche Europa Religion und Weltgeschehen
stehen, klar herausstellen.
Literatur. G. Pfeilschifter, Religion und Religionen
im Weltkrieg (Freib. i. Br. 1915); -Chronik der christlichen
Welte (Tübingen; regelmäßige üÜbersichten über die
Kriegsgeschehnisse unter religiösem Gesichtspunkt):-Die Eiche-(Berlin;
3. Jahrg., Abdruck kirchlicher Kriegsdokumente);
K. Völker, Der Krieg als Wendepunkt der Kirchengeschichte
(Wien, Ev. Pfarrerverein 1915).
Zul: J. Schneider, Kirchliches Jahrbuch auf das Jahr
1915 und 1916 (Gütersloh); M. Schian, Die evangelische
Kirche und der Krieg (Berl. 1915); F. Holdermann,
Der Krieg und die evang. Kirche („Die Hilfe-, 1015, Nr. 2);
Arthur Brausewetter, Die Volkskirche und ihre vaterländische
Sendung (#Die Grenzboten, 1915, Nr. 16); J.
Miller, Und die Kirche 7 ( Chriftl. Welt« 1915, Nr. 9; vgl.
A. Pauli und F. Lahusen, ebenda, Nr. 13 und 14): Bruno
Geißler, Die evangel. Diaspora in der Kriegszeit (Leipzig,
„ Gustav-Adolf-Stiftung-, 1915); G. Naumann, Kriegserfahrungen
der Kirche (Dresd. 1915); Derselbe, Das religiöse
Erleben im Kriege und die Kirche ('Deutsch-Evangelische,
1915, Heft 10); M. Rade, Die Kirche nach dem
Krieg (Freiburg i. Br. 1915); A. Schettler, Die Kuche
in der Schicksalsstunde der Gegenwart (Berlin-Lichterfelde
1915); M. Schian, Kirche und Gemeinde nach dem Kriege
(„Der evang. Kirchenvorstande, 1915/16, Heft 1); Was
wir in der Russennot 1914 erlebten.. 17 Berichte ostpreußischer
Pfarrer (hrsg. von Nietzki; Königsberg i. Pr. 1915);
„ Kriegserlebnisse ostpreußischer Pfarrer= (gesammelt von C.
Moszeik, 2 Bde.; Berlin-Lichterfelde 1915).
Zu II: H. Schrörs, Der Krieg und der Katholizismus
(2. Aufl., Kempten 1915); Kraft aus der Höhe-(hrsg. von
H. Finke; ebenda 1915; darin unter anderm: H. Schrörs,
Die Kirche im Weltkriege; G. Pfeilschifter, Die Gefahr einer
Nationalisierung der christlichen Weltreligion; H. Finke,
Deutsche Zukunftsfragen); E. Krebs, Von deutscher Frömmigkeit
(Hochland, 1915/16, S. 40—60); P. P. Lippert,
Die Nationen in der kathol. Kirche (Stimmen der
Zeit, 1914/15, S. 305—315); H. Swoboda, Unser Krieg
in seinen sittlichen Werten (Wien 1915); H. J. Rosenberg,
Ist ein neuer Kulturkampf nach dem Kriege zu befürchten?
(„Theologie und Glaube-, 1915, Heft 5); P. C. Noppel,
Eine Stunde der Entscheidung für die katholische Caritas
(„Stimmen der Zeit-, 1914/15, S. 201—211); »Ein bischöfliches
Wort über die Aufgaben der kathol. Caritas in der
Gegenwart- (° Caritas-, 1915, S. 99).
Zu II: M. Brunau, Zur Lage des ötkumenischen
Patriarchats in der Gegenwart (2Deutsch -Evangelische,
1915, Heft 11).
Nilitarismus
von Prof. Dr. G. v. Below in Freiburg i. Br.
Geschichte der Klagen über den Militarismus in
Deutschland. Wenn man sich aus der vor dem Krieg
erschienenen deutschen Literatur über den Begriff des
Militarismus zu unterrichten sucht, so erhält man
etwa die Auskunft, daß Militarismus die Herrschaft
des Militärs oder die Bevorzugung des Militärwesens
im staatlichen Leben oder die starke Belastung
des Volkes durch militärische Anforderungen oder die
Bedrohung eines Staates durch die aus kriegerischen
Absichten stammende Eroberungssucht eines andern
bedeute. Die zuletzt genannte Bedeutung des Wortes
begegnete in der deutschen Literatur vielleicht am
seltensten. Der Ausdruck Militarismus ist in Deutschland
bisher erst für das Jahr 1870 nachgewiesen
worden. Zweifellos ist er tatsächlich älter. Jedenfalls
sind die Klagen über Militarismus in dem angegebenen
Sinn sehr alt.
nicht von früheren Jahrhunderten zu sprechen,
so begegnen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
zahlreiche und lebhafte Klagen über die stehenden
Heere, im Zusammenhang namentlich mit der
damals sich regenden politisch-liberalen Bewegung.
Man forderte statt des stehenden Heeres eine Miliz;