Contents : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

430  Die  wisseuschaftliche  Bedeutung  der  Akademie  Friepricı's  Il.

bestimmt.  die  sie  vorfanden,  und  die  unter  dem  Einfluss  des  Königs,
Mavperturs’  und  VorTame's  ausgebildet  worden  war.  Vielleicht  hat
Vorrare  selbst  nicht  so  stark  auf  Lessing  eingewirkt,  wie  alle  geistieen

  Elemente  zusammen,  die  er  in  Berlin  vorfand  und  die  an  der

Akademie  ihren  Mittelpunkt  besassen!!  Wie  hätte  sich  ein  MEnnemssoun

  zum  Philosophen  entwickeln  können.  olıne  die  Voraussetzungen,
die  die  Akademie  in  Berlin  geschaflen  hat,  und  vor  allem,  wie  hätte
sich  die  ganze  Berliner  Aufklärung  bilden  können,  olıne  die  Grundlage
  und  Stütze,  die  sie  an  jener  führenden  Körperschaft  hatte?
Aber,  wirft  man  ein,  ein  fragwürdiges  Verdienst,  diese  Aufklärung
hervorgerufen  und  verbreitet  zu  haben  mit  ihrer  oberflächlichen
Polyhistorie,  ilırer  seichten  Philosophie  und  ihrem  bornirten  Sel)stvertrauen!
  Das  ist  das  Urtheil  des  ı9.  Jahrhunderts  über  jene
Bewegung,  und  es  ist  woll  verständlich,  aber  es  ist  parteiisch
und  ungerecht.  Selbst  wenn  man  zugesteht,  dass  die  »Aufklärung«
die  Züge  angenommen  hat.  die  in  jenen  Vorwürfen  enthalten  sind”,

!  Doeliı  wer  kann  den  Fintluss  überschätzen,  den  VorramrE  auch  auf  die

geistige  Bewegung  in  Deutschland  ausgeübt  hat!  Mit  Reeht  hat  Carryre  behauptet,
wollte  man  ihn  ımd  seine  Thätigkeit  aus  der  Gescehiehte  des  18.  Jahrhunderts  hinwegnehmen,
  so  würde  dies  einen  grösseren  Untersehied  in  der  jetzigen  Lage  der
Dinge  hervorbringen,  als  von  irgend  eineın  anderen  Mensehen  der  letzten  Jahrhunderte
  gesagt  werden  könnte.  Seine  Bedeutung  liegt  keineswegs  nur  auf  dem
Gebiete  der  Gedanken-  und  Stilbildung,  sondern  vor  allem  in  dem  siegreiehen
Kampf  für  Freiheit  und  Mensehenwürde  gegenüber  der  Scelaverei  und  Barbarei  des
»Feudalismus«.  »Er  hat  in  ganz  Europa  einen  Bund  gestiftet,«  sagt  treffend  Cox-DORCET.
  »dessen  Seele  er  war.  Das  Feldgesehrei  dieses  Bundes  lautete:  Vernunft
und  Toleranz!  Wurde  irgendwo  eine  grosse  Ungerechtigkeit  verübt,  vernahm  man
von  einer  That  bintiger  Verfolgungssucht,  wurde  die  Menschenwürde  verletzt,  da
stellte  eine  Schrift  Vorrare's  die  Schuldigen  vor  ganz  Europa  an  den  Pranger.«
In  Preussen  aber  sind  vornehnlieh  Frieprica  der  Grosse  selbst  und  die  Akademie
die  Vermittler  gewesen,  durch  welehe  Vorramre's  Geist,  d.h.  der  Geist  der  Duldung
  und  Ilumanität,  wirksanı  geworden  ist.  obgleich  er  keine  Zeile  für  die  Akademie
  geschrieben  hat  und  die  Akademiker  ihm  persönlich  fast  sämmtlieh  abgeneigt
waren.  Sofern  sie  Calvinisten  und  Deutsche  waren,  fühlten  sie  ihm  gegenüber  wie
Gorrur,  der  nach  der  Leetüre  der  Denkwürdigkeiten  Vorrames  an  Frau  vox
Stein  schrieb  (1784):  »Du  wirst  empfinden.  es  ist,  als  wenn  ein  Gott,  etwa  Momus,
  aber  eine  Canaille  von  einem  Gott,  über  das  Hohe  der  Welt  sehriebe«.

?  Die  Übersehätzung  der  »Bonnes  Etudes«  nnd  »Belles-Lettres«  ist  kein
specifischer  Zug  der  deutschen  Aufklärung.  sondern  ist  mehr  der  französisehen
zur  Last  zu  legen.  die  freilieh  gerade  in  der  preussisehen  Akademie  aueh  vertreten
war.  Die  kleine  scharfe  Anzeige  des  Tovssaimr'schen  »Diseours  sur  les  iruits  des
Bonnes  Etudes«,  die  Marrmas  Cravpivs  (Werke  1879  Bd.1  S.59)  geschrieben  hat,
trifft  die  Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  kaum:  »Die  Bonnes  Etudes,  ist  der
ewige  Gesang,  ınachen  das  Herz  ihrer  Verehrer  als  Philosophen,  Diehter  u.  s.  w.
ent  und  tugendhaft:  denn  Pythagoras,  Sokrates,  Demokrit,  Homer  n.s.  w.  waren
gute  nnd  tugendhafte  Männer«.