Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

Jiem  Kriege  mit  Frankreich  sollte  kein  innerer  Friede  folgen.

Bismarck  wollte  ihn;  Forderungen  Roms  und  Parteiströmungen,
  die  im  Gegensatze  zum  neuen  Reiche  standen,  wollten
es  anders.  Im  Dezember  1869  war  in  Rom  das  vatikanische
Konzil  zusammengetreten;  es  sollte  die  Unfehlbarkeit  des  Papstes
beschließen.  Viele  treue  Katholiken  Deutschlands,  Osterreichs
und  der  Schweiz  befürchteten,  daß  die  Erhebung  dieser  Lehre
zum  kirchlichen  Dogma  den  Anspruch  auf  die  Unterwerfung  nicht
nur  der  Wissenschaft  und  der  Schule,  sondern  des  gesamten
Staatswesens  unter  die  Oberhoheit  des  Papstes  in  sich  schließe.
Der  damalige  baperische  Ministerpräsident  Fürst  Hohenlohe
machte  auf  die  hierdurch  dem  Staate  drohende  Gefahr  aufmerksam
  und  riet  zu  gemeinsamem  staatlichen  Vorgehen  gegen  ein
solches  Dogma.  Bismarck  nahm  eine  vorsichtige  Stellung  ein;  er
mißbilligte  es,  als  der  preußische  Gesandte  beim  päpstlichen  Stuhl
Graf  Arnim  gegen  den  drohenden  Beschluß  des  Konzils  Verwahrung
  einzulegen  riet.  Er  war  der  Meinung,  daß  man  nicht
protestieren  solle;  es  sei  undankbar,  wenn  man  doch  nicht  verhindern
  könne,  wogegen  man  protestiere.  Er  folgte  dem  Grundsatz,
  der  Kirche  völlige  Freiheit  in  kirchlichen  Dingen  zu  lassen,
sich  aber  zu  entschiedener  Abwehr  gegen  die  Kirche  zu  richten,
wenn  diese  auf  das  staatliche  Gebiet  übergriffe;  Eingriffe  in
katholische  kirchliche  Angelegenheiten  widersprächen  dem  protestantischen
  Charakter  Preußens.

Er  wahrte  deshalb  äußerlich  seine  Ruhe;  wir  wissen  aber  vom
Fürsten  Hohenlohe,  daß  er  mit  banger,  immer  wachsender  Sorge
schon  im  Jahre  1869  dem  Herannahen  des  Konfliktes  entgegensah,
dessen  traurige  Bedeutung  er  nicht  unterschätzte.  Er  hielt  es
„gegenüber  einer  römischen  Partei,  welche  mit  bewußter  Entschlossenheit
  den  kirchlichen  und  politischen  Frieden  Europas  zu
stören  bereit  sei,  für  besser,  nicht  gezwungen  zu  werden  von  der

A.  Matthias,  Bismarck  23