Metadata : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

SCHLEIERMACHER.  WiırheLm  vox  Hesornr.  627

ist!.  SCHLEIERMACHER  ist  der  zweite  grosse  Philosoph  gewesen,  der  die
Akadeınie  geleitet  hat,  und  stärker  ist  sein  geistiger  Eintluss  in  ihr
nachweisbar  als  der  Lrissızens,  dessen  Wirksamkeit  in  eine  stumpfere
Zeit  fiel  und  der  nicht  Menschen  zu  bilden  verstand,  weil  ihm  Charaktergrösse
  fehlte.  In  der  Universalität  und  dem  Determinismus  bestand
  Wahlverwandtschaft  zwischen  den  beiden  Denkern;  aber  in
SCHLEIERMACHFR  ist  SpınozA,  der  Rivale  von  Lrieniz,  wieder  lebendig
geworden  —  doch  mit  dem  prineipium  individui.  Hinter  ihm  leuchtete
  Plato  mıit  dein  grossen,  tiefen  Auge  in  eine  Welt  hinein,  welcher
die  Fackeln  der  Aufklärung  nicht  mehr  genügten.  Aus  dem  Gegensatz
  des  »geoffenbarten«  und  des  »natürlichen«  Systems  hat  SchLEiEr-MACHER
  die  Weltanschauung  hinausführen  wollen  auf  einen  geschichtlichen
  und  doch  idealen  Standpunkt,  der  sehr  mannigfaltige  Ausblicke
zulässt  und  innerlich  verbundenen,  äusserlich  verschiedenen  Weltbetrachtungen
  Raum  giebt.  Das  Unternehmen  selbst  ist  seiner  Natur
nach  eine  immer  neu  gestellte  Aufgabe,  niemals  ein  Fertiges  —  so
lebte  es  in  SCHLEIERMACHER,  dem  grossen  Hermeneuten,  der  seiner
Nation  das  ästhetische,  das  religiöse,  Jas  patriotische  und  Jas  wissenschaftliche
  Ideal  nahezubringen  und  zu  interpretiren  verstand.  Nur
dem  Oberflächlichen  erschien  er  schillernd  und  wandelbar,  im  Tiefsten
ein  fester  Charakter  von  thatkräftigem  Freimuth.

Dass  in  der  Griechheit  ein  fortwirkendes  Ideal  gegeben  sei  und
dass  die  Denkmäler  des  Alterthums  aus  dem  Staube  der  Schule  in
die  freie  Gemeinschaft  aller  Bildungskreise  einzuführen  seien,  haben
WINCKELMANN,  GOETHE  und  Worr  verkündet;  dass  Leben  —  höheres
Leben  —  und  Wissenschaft  nur  in  Wechselwirkung  gedeihen,  hat
NıeBunr  gelehrt;  ScHLEIERMACHER  fügte  die  Kunst  und  die  Anschauung
des  Universalen  im  Individuellen  hinzu;  Beide  haben,  wenn  auch  in
verschiedener  Weise,  dem  Ethos  in  den  Geisteswissenschaften  sein
Recht  gegeben.  WiıLseLn  von  HumsoLpot,  der  Interpret  GoETHE’s,
fasste  Wissenschaft  und  Leben  auf  dem  Boden  eines  intensiven
Klassieismus®  zusammen  und  hat  wie  der  neuen  Universität  so  der
Akademie  als  rector  scientiarum  Form  und  Inhalt  verliehen.  Was
von  allen  diesen  Männern  gilt,  dass  sie  den  angespanntesten  Idealis-!

  Vergl.  dazu  die  dritte  akademische  Abhandlung:  Ȇber  die  verschiedenen
Methoden  des  Übersetzens«  (Abhandl.  1812/13  S.143  ff.).

3  Im  ı8.  Jahrhundert  lebte  man  noch  in  der  Antike  kraft  fortwirkender,  aber
verbildeter  lateinischer  Tradition  (s.  oben),  seit  WıncKErL.MANN,  GoETHE  und  HusBoLv'r
kraft  einer  genialen  Entdeckung,  die  man  idealisirte.  Was  man,  congenial,  an  der
griechischen  Kunst  und  an  Plato  eınpfand.  das  übertrug  man  auf  die  gesammte  Antike.

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