Full text : Württembergische Geschichtsquellen. Sechster Band. (6)

—  132  —

Jetzt  erzehlte  königliche  bull  ist  geben  zu  den  zeithen,  alsz
st.  Burckhardt  zum  Würtzburgischen  bischoff  erwöhlt,  doch  noch
nicht  bestett  gewesen.

Nun  seindt  die  obgesetzte  kay.  bullen,  Caroli  desz  groszen
und  Ludovici  pii,  einander  nicht  wiederig.)  Dann  diese  bull  Carolin
desz  groszen  redet  von  etlichen  cellen  alsz  Ammerbach,  Murrhardt
  etc.,  so  seinem  vatter  Pipino  aigenthumblich  gehörig,  unnd
aus  bitt  st.  Burckhardts  an  stifft  Würtzburg  geben;  hab.  darausz
ausz  dem  wortt  cellen  zu  vernehmen,  dasz  zu  den  zeiten  Pipini

1  seithen,  unnd  ehe  kaiser  Karl  der  gross  Römischer  könig  gewesen  H!,  H3,  H4,  R,  813.
&  Oaroli  H!,  H2,  Ht,  883,  8  geben  bab,  darauss..  Hi,  H?2,  R;  geben  hat,  da  aus  H*.
1)  Die  Haupturkunden,  die  für  die  Anfänge  des  Klosters  Murrhardi  in
Betracht  kommen,  sind  folgende:  1.  Urk.  Karls  des  Gr.,  vom  Okt.  758  (unecht),
  WU.  1,  36;  2.  Ottos  III.,  12.  Des.  993,  WU.  1,  229;  3.  Heinrichs  II.,
9.  Febr.  1003,  WU.  1,  236:  4.  Konrads  II,  %.  Mai  1025,  WU.  1,  268;
5.  Ludwigs  des  Frommen,  817  (gefälscht,  aber  mit  geschichtlichen  Überresten),
WU.  1,  87.  Von  diesen  Urkunden  vertreten  die  vier  ersten,  wie  Bossert  „Die
Anfänge  des  Kl.  Murrh.“  WVjhsh.  1668,  217  ff.  überzeugend  nachgewiesen  hat,
den  Würsburgischen  Standpunkt  und  wollen  dartun,  dass  das  Kloster  schon
von  anfang  an  und  durch  seine  Stiftung  selbst  von  Würzburg  abhängig  sei,
wihrend  die  leiste  Urkunde  die  Selbständigkeit  Murrhardts  behauptet  und  von
keinerlei  Einfluss  Würsburgs  bei  der  Stiftung  eiwar  weiss.  Der  starke  Widerspruch
  swischen  diesen  beiden  Darstellungsweisen  ist  in  Murrhardt  nicht  unbekannt
  gewesen,  und  so  bemüht  sich  denn  auch  der  Chronist,  ihn  so  gut  es
geht  aussugleichen,  was  um  so  dringender  schien,  da  auf  Murrhardter  Seite
Lloss  Eine  Urkunde  stand,  auf  Würsburger  dagegen  vier.  Er  glaubt  den
Widerspruch  u.a.  dadurch  lösen  zu  können,  dass  er  —  hiemit  wohl  nur  die
in  Murrhardt  schon  lange  überlieferte  Deutung  wiedergebend  —  die  Behauptung
aufstellt,  Karl  (oder  Pippin)  habe  nur  den  Plats  für  die  Einsiedelei  (cellula)
geschenkt,  dagegen  Ludwig  habe  die  für  Errichtung  eines  Klosters  erforderliche
  Stiftung  gemacht.  Diese  Auskunft  fällt  freilich  in  nichts  zusammen  angesichts
  der  Urkunde  von  817,  wo  schon  die  Zuweisung  des  ersten  Ansiedlungsplatees
  für  den  eremita  Walderich  dem  Kaiser  Ludwig  zugeschrieben  wird.  —
Das  Bewusstsein  von  der  Wichtigkeit  der  Ludwigsurkunde  für  die  Murrhardiischen
  Selbständigkeitsansprüche  findet  jedenfalls  in  der  Voranstellung  dieser
Urkunde,  in  der  nachtragsweisen  Vorführung  der  übrigen  und  in  dem  Harmonisierungsversuch
  seinen  deutlichen  Ausdruck.
Über  die  Echtheit  und  den  geschichtlichen  Wert  der  Urkunden  se.  Bossert
a.a.  O.,  und  desselben  Darstellung  in  (Calwer)  Württ.  Kirchengesch.  46,  wo
das  Ergebnis  dahin  zusammengefasst  wird:  „Das  Kloster  Murrhardi  kann  unmöglich
  unter  Pippin  gegründet  sein.  Was  sich  aus  den  widerstrebenden  Traditionen
  Würsburgs  und  Murrhardts  für  uns  ergibt,  dürfte  die  Zuteilung  des
Kronguts  Murrhardt,  das  ursprünglich  zum  Speierischen  Murrgau  gehört  haben
muss,  an  Würzburg  sein.  Das  Kloster  aber  ist  erst  eine  Gründuny  aus  dem
9.  Jahrhundert.“