Die Schuld am Kriege. 11
kanzlers setze, der festen Überzeugung, daß die Beziehungen zwischen Deutschland
und England sich bessern würden. . . Die englische Regierung müsse aber auch
an den Fall denken, daß einmal eine Anderung in der verantwortlichen Leitung
der deutschen Reichspolitik eintreten werde.“
Mit anderen Worten: Wir können an eine dauernde Fortsetzung der Selbstmordpolitik
von Bethmann Hollwegs und Kaiser Wilhelms II. beim besten Willen
nicht glauben; das Wachstum der Bevölkerung, des Handels, der Leistungsfähigkeit
und aller Machtmittel werden Deutschland mit Naturnotwendigkeit über kurz
oder lang zur Ausdehnung seiner Macht zwingen. Da wir, England, Frankreich,
Rußland, Italien und Amerika, nicht im geringsten gewillt sind, auf dem Erdball
außer uns selbst auch noch Deutschland irgendwelche wirkliche Machtansprüche einzuräumen,
müssen wir das Wachskum der deutschen Machtmittel auf irgendeine
Weise einzuschränken versuchen.
Das kluge England, das die Führung in diesem Völkerbund zur Hemmung
der deutschen Machtausbreitung hatte, schlug gleichzeitig zwei Wege ein, den der
wirtschaftlichen Erdrosselung und den der militärischen Einkreisung. Beide mußten
notwendig Hand in Hand gehen; denn die wirtschaftliche Erdrosselung konnte ja
Deutschland sehr leicht zu dem Bersuche veranlassen, sich mit den Waffen Luft zu
schaffen. Ging es ohne den Krieg, um so einfacher; griff Deutschland zum Schwert,
so war man durch die Einkreisung einer riesigen Abermacht und damit des Sieges
sicher. Die Politik Englands und seiner Freunde schlug unter Kaiser Wilhelm II.
eine wirtschaftliche Tür nach der anderen zu; Marokko, Afrikaverträge, Bagdadbahn
sind nur einige hervorstechende Marksteine. Die Regierung Bethmann sagte zu
allem Ja und Amenz sie hätte sich noch kurz vor dem Kriegsausbruch durch die
Lichnowskyschen Verträge fast ganz aus Kleinasien verdrängen und wie immer
(Angola, Marokko, Persien) mit papierenen Jusicherungen, diesmal wieder in
Afrika, beschwichtigen lassen.
England und Frankreich hätten auch auf diese Weise ihr Jiel erreicht; denn
die wirtschaftlich-jüdisch gedachte Politik von Bethmann Hollwegs, auf vorhandenem
deutschen Reichsboden eine möglichst hohe Wirtschaftsblüte zu erreichen,
auf Machtpolitik zu verzichten und die Bevölkerung sorgen zu lassen, wie und wo
sie unterkäme, mußte an der Unmöglichkeit scheitern, Weltwirtschaft zu treiben,
ohne Weltmacht sein zu wollen; auch die Wirtschaft muß sich immer auf Macht
stützen, und diese Macht muß eine ausgeübte sein; es genügt nicht, wie die Wirtschaftstheoretiker
des B-Systems, die Naumann, Riezler u. a. m. lehren, wenn
große Wehrmachtziffern in den jährlichen Budgeks aufmarschieren. Der deutsche
Handel und die deutsche Industrie wußte zwar in den letzten Jahren immer noch
die Schädigungen der zugeschlagenen Türen durch Offnen neuer auszugleichen:
aber auf die Dauer wäre das niemals gegangen. Sogar Kreise wie die um Ballin
und Rathenau erhoben schließlich ihre warnenden Stimmen.
Die Weiterverfolgung der Politik des Herrn von Bethmann, der B-Systemspolitik,
mußte über kurz oder lang an dem Mangel an auswärtigen Absatz= und
Bezugsgebieten scheitern; denn die übrigen Mächte huldigten nicht ebenso falschen
Theorien wie das B-System, sondern dehnten ihre Macht, politisch und diplomatisch,
noch viel stärker aus, als ihre Wirtschaft folgen konnte. Sie schufen siets
große offene Reservegebiete für ihre Wirtschaft im voraus. Mit der Zeit hätte
Deutschland dann zunächst sein wirtschaftliches Wachstum einstellen müssen, und
bald wäre es auch zur Einschränkung und zum Rückgang seiner industriellen Er-