Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

404  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

lehnung  dessen,  was  Sie  nicht  wollen,  immer,  auch  in  der
Meinung  der  Regierung,  noch  günstiger  ist,  als  ein  Hinziehen
der  Ungewißheit,  in  der  niemand  weiß,  wie  die  Zukunft  sich
gestalten  wird.“

Wiederholt  mußte  Bismarck  noch  vom  Mai  bis  Juli  in
die  Verhandlungen  eingreifen,  besonders  als  es  sich  um  die
Frage  handelte,  welche  konstitutionellen  Garantien  bei  Ein—
führung  der  erhöhten  Zölle  verlangt  werden  sollten.  Auch  diese
Schwierigkeit  wurde  gehoben,  indem  von  Franckenstein  im
Namen  des  Zentrums  beantragte,  daß,  wenn  der  Betrag  der
Zölle  in  einem  Jahre  die  Summe  von  130  Millionen  Mark
überschreite,  der  Überschuß  den  einzelnen  Bundesstaaten  nach
Maßgabe  der  Matrikularbeiträge  zu  überweisen  sei.  Da  von
nationalliberaler  Seite  kein  annehmbarer  Antrag  gestellt  wurde,
entschied  sich  Bismarck  am  9.  Juli  für  den  Zentrumsantrag.
Daß  ihm  diese  Stellung  nicht  leicht  geworden,  daß  er  lieber
mit  seinem  alten  Freunde  Bennigsen  gegangen  wäre,  verschwieg
er  nicht,  aber  er  betonte:  „Ich  habe  von  Anfang  meiner
Karriere  nur  den  einen  Leitstern  gehabt:  durch  welche  Mittel
und  auf  welchem  Wege  kann  ich  Deutschland  zu  einer  Einigung
bringen  und  wie  kann  ich  diese  Einigung  befestigen,  foͤrdern
und  so  gestalten,  daß  sie  aus  freiem  Willen  aller  Mitwirkenden
dauernd  erhalten  wird.“  Und  er  schloß  seine  Rede:  „Ich  für
meinen  Teil  werde  den  Weg,  den  ich  im  Interesse  des  Vaterlandes
  für  den  rechten  erkenne,  unbedingt  bis  ans  Ende  gehen,
unbeirrt  —  mag  ich  Haß  oder  Liebe  dafür  ernten  —  das  ist
mir  gleichgültig.“

Am  12.  Juli  wurde  der  Zolltarif  nebst  dem  Tarifgesetze
mit  217  gegen  1417  Stimmen  angenommen.  Etwa  ein  Dutzend
Nationalliberale  hatten  mit  den  Konservativen  und  einem
großen  Teile  des  Zentrums  für  die  Vorlage  gestimmt;  sie
mußten  deshalb  aus  der  Fraktion  austreten.  Die  Botschaft,
die  am  12.  Juli  den  Reichstag  schloß,  sprach  im  Geiste  Bismarcks
  die  Hoffnung  aus,  daß  die  Meinungsverschiedenheiten,
  die  in  der  Diskussion  zutage  getreten  seien,  keine
dauernden  sein,  sondern  daß  der  Reichstag  mit  vereinten