Full text : Das öffentliche Recht der Gegenwart. Band XXI. Bayerisches Staatsrecht. (21)

180  Bismarcks  angebliche  feindselige  Haltung  gegen  Frankreich.

daß  man  diesen  Berichten  glaube,  weil  sie  der  dortigen  Stimmung  entsprechen  und  man
ihnen  glauben  will,  —  oder  daß  diese  ganze  Phase  der  Verstimmung  nur  in  Szene  gesetzt  sei,
um  einen  scheinbaren  Grund  zur  Mißstimmung  gegen  uns  zu  haben.  Daß  in  unserer  ganzen
Handlungsweise  irgendein  Grund  oder  auch  nur  ein  Vorwand  gegeben  sei,  sich  über  uns  zu
beklagen,  muß  ich  auf  das  ernstlichste  bestreiten;  und  ich  kann  nicht  zugeben,  daß  es  einer
Anderung  in  unserer  Haltung  bedürfen  oder  auch  gelingen  könnte,  unsere  Bereitwilligkeit,
dem  Kaiser  aus  einer  Verlegenheit  zu  helfen,  mehr  als  bisher  zu  beweisen.

Ich  kann  nicht  umhin,  hier  eine  persönliche  Seite  zu  berühren,  deren  Ew.  pp.  in  Ihrem
eingangs  gedachten  Berichte  erwähnen,  und  welche  den  ganzen  Unterschied  beleuchtet,  der
Pariser  Lebensanschauungen  von  den  hiesigen  trennt ⁷.  Man  will  eine  Tendenz  zum  Bruch
mit  Frankreich  besonders  seit  meiner  letzten  Anwesenheit  in  Paris  bei  mir  bemerkt  haben
und  wundert  sich  darüber,  „weil  man  sich  doch  bewußt  sei,  es  mir  gegenüber  an  Höflichkeiten
nicht  haben  fehlen  zu  lassen“.  Ich  bin  und  bleibe  persönlich  sehr  dankbar  für  die  auszeichnende
  Aufnahme,  welche  mir  am  Kaiserlichen  Hofe  zutheil  geworden  ist ⁸,  aber  ich
darf  wohl  hoffen,  daß  Ew.  pp.,  wo  Ihnen  jene  Auffassung  entgegengetreten  ist,  derselben
erwidert  haben,  daß  ein  preußischer  Minister  in  allen  Fällen,  wo  es  den  Interessen  Seiner
Majestät  entspricht,  mit  der  französischen  Politik  zu  gehen,  diese  Wege  ungeachtet  aller
persönlichen  Vernachlässigung  und  selbst  Unfreundlichkeiten  festhalten  werde,  im  Gegenteil
aber  auch  sich  durch  keine  noch  so  ausgesuchte  Höflichkeit  abhalten  lassen  kann,  die  Interessen
seines  Vaterlandes  wahrzunehmen,  wenn  sie  mit  denen  Frankreichs  nicht  zusammenfallen.

Ew.  pp.  wissen,  daß  ich  in  dieser  ganzen  Angelegenheit  keinen  Schritt  und  keine
Äußerung  getan  habe,  ohne  die  Befehle  Seiner  Majestät  des  Königs  einzuholen,  und  daß
ich  dieselben  in  jeder  Beziehung  genau  befolge.  Ich  darf  also  auch  erwarten,  daß  Ew.  pp.
jedem  Versuche  entgegentreten,  sei  es  des  Herrn  Benedetti,  sei  es  derjenigen,  welche  seine
Berichte  falsch  verstehen  wollen,  mir  eine  andere  Haltung  zuzuschreiben  als  diejenige,
welche  den  wohlwollenden  und  freundschaftlichen  Gesinnungen  meines  Königlichen  Herrn
gegen  den  Kaiser  von  Frankreich  entspricht.

Nachschrift.  Gegenüber  den  Anschuldigungen,  als  verfolgte  ich  persönlich  eine
feindliche  Politikk  gegen  Frankreich  und  wünschte  es  zum  Bruch  zu  treiben,  bitte  ich  Ew.  pp.,
doch  auch  hervorzuheben,  wie  entschieden  ich  bei  der  Luxemburger  Angelegenbeit  das  Gegenteil
  bewiesen  habe,  indem  ich  gegen  eine  starke,  auf  den  Krieg  hindrängende  Strömung  die
Erhaltung  des  Friedens  durch  Aufschub  unserer  Gegenrüstungen  bei  Seiner  Majestät  befürwortet
  habe ⁹.  Ew.  pp.  wissen  selbst  am  besten  zu  beurteilen,  wie  vorteilhaft  die  militärische
Situation  der  beiden  Staaten  damals  für  Preußen  war;  und  daß  ich,  wenn  ich  wirklich
Bruch  und  Krieg  mit  Frankreich  erstrebte,  kaum  einen  besseren  Augenblick  hätte  wählen
können.  Es  war  wahrlich  nicht  ein  Motiv  der  Scheu  oder  Surcht,  welches  uns  damals
zurückgehalten  hat;  sondern  die  Abneigung  gegen  einen  blutigen  Krieg  und  das  Vertrauen
in  die  friedlichen  Absichten  des  Kaisers.  Das  erstere  Motiv  ist  auch  jetzt  noch  vorhanden;
daß  das  zweite  es  noch  im  gleichen  Maße,  kann  ich  nicht  mit  völliger  Sicherbeit  behaupten,
wenn  ich  die  jetzige  Haltung  der  franösischen  Regierung  und  ihres  Botschafters  erwäge.

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Bismarcks.

8  Der  Eingang  des  Satzes  eigenhändiger  Zusatz,  der  Rest  des  Absatzes  eigenhöndige  Korrektur Bismarcks.
9  Vgl. Die  Gesammelten  Werke,  VI.  Nr.  766,  768.  775,  788,  790,  795  nebst  Vorbemerkungen.