Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

HPulsarien.  (Oktober  11.—15.)  833

liche  Streben  aller  nach  größerer  Freiheit  und  nach  einem  größeren  Maß
von  Glück  schützt  und  alle  Keime  neuer  Mißhelligkeiten  und  Katastrophen,
wie  wir  sie  jetzt  erleben,  ausschließt.  Voll  Befriedigung  ob  der  Feststellung,
daß  unsere  Absichten,  so  wie  wir  sie  eben  zum  Ausdruck  gebracht  haben,
mit  dem  Willen  des  Heiligen  Stuhles  übereinstimmen,  und  außerdem  geleitet
  von  dem  Streben,  in  Frieden  und  Eintracht  mit  allen  Völkern  zu
leben,  wünschen  wir  aus  vollem  Herzen,  daß  das  von  Eurer  Heiligkeit
unternommene  erhabene  Werk  von  dem  glänzendsten  Triumph  gekrönt
werde,  und  daß  die  göttliche  Weisheit  in  diesen  entscheidenden  Augenblicken
jene  erfüllen  und  erleuchten  möge,  die  die  Geschicke  der  durch  die  Schrecken
des  Krieges  so  grausam  geprüften  Völker  lenken.

11.—14.  Okt.  Besuch  Kaiser  Wilhelms.

Bei  der  Galatafel  im  kgl.  Schlosse  in  Sofia  (am  11.)  werden  zwischen
den  Herrschern  längere  herzliche  Trinksprüche  gewechselt.  (Den  Wortlaut
s.  in  der  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  v.  14.  Okt.  1917,  Zweite  Ausg.)

Am  12.  besucht  Kaiser  Wilhelm  die  Grabstätte  der  Königin  Eleonore
in  dem  Dorf  Bojana.  Nachmittags  begeben  sich  beide  Herrscher  mit  ihrem
Gefolge  nach  dem  königl.  Schloß  Sitniakovo  am  Fuße  des  Riloberges.  Von
dort  reisen  sie  am  13.  nach  der  mazedon.  Front  ab,  wo  Kaiser  Wilhelm  u.  a.
sein  bulg.  Inf.  Regt.  „Balkanski“  auf  dem  geschichtlichen  Schlachtfeld  von
Philippi  besichtigt.  Am  14.  tritt  er  von  Küleli  Burgas  die  Fahrt  nach
Konstantinopel  (s.  S.  824)  an.  Auf  der  Rückreise  nimmt  er  (am  19.)  im
kgl.  Schloß  Varanja  bei  Sofia  kurzen  Aufenthalt;  am  21.  trifft  er  wieder
in  Berlin  ein.

15.  Okt.  (Sobranje.)  Beginn  einer  ao.  Session.

Ministerpäsident  Radoslawow  eröffnet  die  Tagung  mit  der  Verlesung
  folgender  königlichen  Thronrede:  M.  H.  Abg.!  Die  entscheidenden
Zeiten,  die  unser  Staat  infolge  des  Weltkrieges  durchlebt,  fordern  einen
engeren  Kontakt  und  ein  innigeres  Zusammenarbeiten  zwischen  der  Nationalvertretung
  und  meiner  Regierung.  Mit  besonderer  Befriedigung  sehe  ich
Sie  daher  zu  einer  außerordentlichen  Session  versammelt.  M.  H.  Der  Tod
meiner  vielgeliebten  Gattin,  Ihrer  Maj.  der  Königin  Eleonore,  hat  mich
sowie  mein  Haus  und  die  bulg.  Nation  in  tiefe  Trauer  versetzt.  Die  Sympathiekundgebungen,
  die  mir  aus  diesem  Anlaß  aus  allen  Teilen  Bulgariens
  und  von  Seite  der  Armee  zugekommen  sind,  sind  mir  ein  Trost
in  meinem  Schmerze.  Sie  geben  Zeugnis  von  der  tiefen  Liebe,  die  sich
die  verblichene  Königin  durch  ihr  beispielgebendes  Leben,  ihre  christlichen
Tugenden  und  ihre  Menschenliebe  erworben  hat.  M.  H.!  Der  Besuch,  mit
dem  Se.  Maj.  Kaiser  Wilhelm  II.  mein  Haus  und  Bulgarien  geehrt  hat,
erfüllt  uns  alle  mit  unaussprechlicher  Freude.  Denn  er  ist  nicht  nur  ein
Beweis  der  Unlösbarkeit  des  Bündnisses,  das  uns  mit  der  großen  deutschen
Nation  verknüpft,  deren  tapfere  Soldaten  Schulter  an  Schulter  mit  unseren
würdigen  Söhnen  kämpfen,  um  ihre  Existenz  zu  sichern,  sondern  auch  ein
unzweifelhaftes  Zeichen  der  Achtung,  die  das  Staatsoberhaupt  der  bulg.
Nation  und  unsere  ruhmreiche  Armee  sich  durch  die  unerschütterliche  Festigkeit
  erworben  haben,  die  sie  in  diesen  Tagen  der  Prüfungen  auf  allen  Gebieten
  des  öffentlichen  Lebens,  insbesondere  auf  dem  Schlachtfelde,  bekundet
haben,  auf  dem  die  bewaffnete  bulg.  Nation  auch  im  Laufe  dieses  Jahres  mit
unvergleichlicher  Zähigkeit  und  Hartnäckigkeit  die  Eroberungsanstürme  unserer
verschiedenen  Kulturstufen  und  Rassen  angehörenden  Feinde  zurückgewiesen
hat.  Lassen  Sie  uns  daher  die  durchaus  verdiente  Achtung  und  Ehre  zollen
unseren  unvergleichlichen  Helden,  die  durch  die  tapfere  Verteidigung  unseres

Europäischer  Geschichtskalender.  LVIII/.  53