180 Bismarcks angebliche feindselige Haltung gegen Frankreich.
daß man diesen Berichten glaube, weil sie der dortigen Stimmung entsprechen und man
ihnen glauben will, — oder daß diese ganze Phase der Verstimmung nur in Szene gesetzt sei,
um einen scheinbaren Grund zur Mißstimmung gegen uns zu haben. Daß in unserer ganzen
Handlungsweise irgendein Grund oder auch nur ein Vorwand gegeben sei, sich über uns zu
beklagen, muß ich auf das ernstlichste bestreiten; und ich kann nicht zugeben, daß es einer
Anderung in unserer Haltung bedürfen oder auch gelingen könnte, unsere Bereitwilligkeit,
dem Kaiser aus einer Verlegenheit zu helfen, mehr als bisher zu beweisen.
Ich kann nicht umhin, hier eine persönliche Seite zu berühren, deren Ew. pp. in Ihrem
eingangs gedachten Berichte erwähnen, und welche den ganzen Unterschied beleuchtet, der
Pariser Lebensanschauungen von den hiesigen trennt ⁷. Man will eine Tendenz zum Bruch
mit Frankreich besonders seit meiner letzten Anwesenheit in Paris bei mir bemerkt haben
und wundert sich darüber, „weil man sich doch bewußt sei, es mir gegenüber an Höflichkeiten
nicht haben fehlen zu lassen“. Ich bin und bleibe persönlich sehr dankbar für die auszeichnende
Aufnahme, welche mir am Kaiserlichen Hofe zutheil geworden ist ⁸, aber ich
darf wohl hoffen, daß Ew. pp., wo Ihnen jene Auffassung entgegengetreten ist, derselben
erwidert haben, daß ein preußischer Minister in allen Fällen, wo es den Interessen Seiner
Majestät entspricht, mit der französischen Politik zu gehen, diese Wege ungeachtet aller
persönlichen Vernachlässigung und selbst Unfreundlichkeiten festhalten werde, im Gegenteil
aber auch sich durch keine noch so ausgesuchte Höflichkeit abhalten lassen kann, die Interessen
seines Vaterlandes wahrzunehmen, wenn sie mit denen Frankreichs nicht zusammenfallen.
Ew. pp. wissen, daß ich in dieser ganzen Angelegenheit keinen Schritt und keine
Äußerung getan habe, ohne die Befehle Seiner Majestät des Königs einzuholen, und daß
ich dieselben in jeder Beziehung genau befolge. Ich darf also auch erwarten, daß Ew. pp.
jedem Versuche entgegentreten, sei es des Herrn Benedetti, sei es derjenigen, welche seine
Berichte falsch verstehen wollen, mir eine andere Haltung zuzuschreiben als diejenige,
welche den wohlwollenden und freundschaftlichen Gesinnungen meines Königlichen Herrn
gegen den Kaiser von Frankreich entspricht.
Nachschrift. Gegenüber den Anschuldigungen, als verfolgte ich persönlich eine
feindliche Politikk gegen Frankreich und wünschte es zum Bruch zu treiben, bitte ich Ew. pp.,
doch auch hervorzuheben, wie entschieden ich bei der Luxemburger Angelegenbeit das Gegenteil
bewiesen habe, indem ich gegen eine starke, auf den Krieg hindrängende Strömung die
Erhaltung des Friedens durch Aufschub unserer Gegenrüstungen bei Seiner Majestät befürwortet
habe ⁹. Ew. pp. wissen selbst am besten zu beurteilen, wie vorteilhaft die militärische
Situation der beiden Staaten damals für Preußen war; und daß ich, wenn ich wirklich
Bruch und Krieg mit Frankreich erstrebte, kaum einen besseren Augenblick hätte wählen
können. Es war wahrlich nicht ein Motiv der Scheu oder Surcht, welches uns damals
zurückgehalten hat; sondern die Abneigung gegen einen blutigen Krieg und das Vertrauen
in die friedlichen Absichten des Kaisers. Das erstere Motiv ist auch jetzt noch vorhanden;
daß das zweite es noch im gleichen Maße, kann ich nicht mit völliger Sicherbeit behaupten,
wenn ich die jetzige Haltung der franösischen Regierung und ihres Botschafters erwäge.
-------------------------------------------- 7 Die letzten Relativsätze von den Worten an: „den ganzen Unterschied ...“ eigenhändiger Zusatz
Bismarcks.
8 Der Eingang des Satzes eigenhändiger Zusatz, der Rest des Absatzes eigenhöndige Korrektur Bismarcks.
9 Vgl. Die Gesammelten Werke, VI. Nr. 766, 768. 775, 788, 790, 795 nebst Vorbemerkungen.