Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

262  Vie  Gesterreichisch-Angariscge  Monarchie.  (November  16.)

weil  es  das  Bündnis  zweier  mächtiger  Reiche  ist,  die  keinen  Wunsch  hegen
und  kein  Interesse  an  Eroberungen  haben,  die  groß  genug  sind,  um  nichts
anderes  zu  wünschen,  als  daß  ihre  innere  Entwicklung  nicht  durch  äußere
Gefahren  gestört  werde.  Wenn  es  nun  heute  die  Uberzeugung  sehr  vieler
Leute  geworden  ist,  daß  dieses  natürliche  Bündnis  nicht  die  Früchte  getragen
hat,  die  von  allen  Seiten  erwartet  wurden,  so  ist  es  die  Pflicht  eines  jeden
Delegierten,  auch  die  Meinungen  ohne  jede  Zurückhaltung  zu  untersuchen,  ob
der  Fehler  in  dem  ursprünglichen  Bündnisse  selbst  oder  in  den  veränderten
Verhältnissen  zu  suchen  ist.  (Hört!)  So  lange  dies  ein  Bündnis  zwischen
bloß  zwei  Mächten  war,  funktionierte  es  sehr  einfach.  Die  beiden  Mächte
hatten  nur  ihre  beiderseitigen  Interessen  zu  wahren,  die  nirgends  kollidierten;
den  anderen  Staaten  gegenüber  hatten  sie  nur  das  freundnachbarliche  Verhältnis
  zu  bewahren.  Von  dem  Tage  an,  als  es  ostentativ  angekündigt
wurde,  daß  der  Ausgangspunkt  unserer  Politik  dieses  sei,  speziell  in  den
Orient-Fragen  jedesmal  vor  allen  anderen  Staaten  mit  Rußland  ein  Einverständnis
  zu  erzielen,  konnte  unser  Bündnis  mit  Deutschland  nicht  mehr
das  sein,  was  es  ursprünglich  war,  ohne  daß  wir  Deutschland  dafür  im  geringsten
  verantwortlich  machen  können.  Die  Ursache,  daß  aus  der  neuen
Gruppierung  der  drei  Mächte  bis  jetzt  wenigstens  sehr  viel  Beunruhigung  in
Europa,  sonst  aber  nicht  viel  Ersprießliches  hervorgegangen,  ist  ausschließlich
in  der  unnatürlichen  Gruppierung  zu  suchen.  Von  diesem  Augenblicke  an
konnte  Deutschland  selbstverständlich  nicht  mehr  ausschließlich  unsere,  sondern
mußte  nicht  nur  die  wirklichen  Interessen  Rußlands,  sondern  auch  dessen
momentane  Auffassung  und  Wünsche  im  Auge  behalten.  Das  neue  Verhältnis,
  in  welchem  dieses  Bündnis  wirken  sollte,  konnte  keinem  der  drei  Beteiligten
  nützen.  Es  war  für  uns  und  auch  für  Rußland  nicht  nützlich,  weil
das  gezwungene  enge  Zusammengehenmüssen  die  gegenseitigen  Interessen  in
einen  schärferen  Gegensatz  brachte,  als  sie  sonst  gewesen  waren.  Es  war  nicht
nützlich  für  Deutschland,  weil  es  demselben  eine  unnötig  schwere  Aufgabe
auferlegte;  es  war  nicht  nützlich  für  Europa,  weil  es  bei  anderen  Mächten
Mißtrauen,  wenn  auch  unbegründetes  Mißtrauen  erregte.  Es  hat  die  Kraft
für  die  Erhaltung  des  europäischen  Friedens  verloren,  weil  ein  Bündnis
dreier  Mächte,  wovon  zwei  gerade  dort,  wo  sie  zusammenwirken  sollten,  wenn
auch  nicht  entgegengesetzte,  so  doch  verschiedene  Interessen  hatten,  keinem
Staate  mehr  in  Europa  imponieren  konnte  und  diejenigen,  wenn  es  solche
gebe,  die  etwa  die  Erhaltung  des  Friedens  nicht  wünschen  sollten,  die  Störung
desselben  von  dieser  unnatürlichen  Gruppierung  erwarten  könnten.  Die  Folge
dieser  unnatürlichen  Stellung  war,  daß  das  peinliche  Geschäft  der  fortwährenden
Arbitration  zwischen  den  beiden  Bundesgenossen  auf  Deutschland  von  Tag
zu  Tag  mehr  drücken  mußte;  so  kam  es,  daß  Deutschland,  welches  sich  in
Balkanfragen  nicht  erst  jetzt,  sondern  schon  in  Berlin  für  neutral  erklärte,
Rußland  gegenüber  dennoch  in  eine  schwierigere  Lage  kam,  als  wir  es  waren,
und  zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil,  wenn  ein  Staat  einem  andern
gegenüber  in  einer  Frage  Widerstand  leistet,  in  der  er  selbst  beteiligt  ist,  und
daher  sozusagen  nach  dem  Gebote  der  Selbsterhaltung  handelt,  dies  viel  weniger
übelgenommen  werden  kann,  als  wenn  er  dies  nicht  in  seinem,  sondern  im
Interesse  eines  andern  thun  soll.  Kurz  infolge  der  Schwierigkeiten  dieses
Verhältnisses  zu  Dreien  kam  Deutschland  nach  meiner  Ansicht  in  eine  so  ganz
unmögliche  Stellung,  in  welcher  auch  die  Ausnahmsstellung  des  Fürsten  Bismarck
  und  seine  —  ich  kann  es  nach  langjähriger  Erfahrung  mit  fester  überzeugung
  bestimmt  behaupten  —  nach  beiden  Seiten  hin  gleich  ehrliche  Vermittelung
  nicht  mehr  genügen  konnte.  Die  Alternative  oder  vielmehr  das
Dilemma,  vor  welches  sich  Deutschland  gestellt  fand,  ist  folgendes:  Entweder
hätte  es  ausschließlich  unsere  Interessen  im  Oriente  mit  aller  Energie  zu  den