Das Volk. 171
deutsche Bürgertum um Geld= und andere Opfer für nationale Zwecke angegangen
wird — von der richtigen Seite! —, muß es sich klar sein darüber, um was es
sich dreht: nicht um einen schönen idealen „patriotischen“ Zweck, bei dem man sich
mit einem Taler, oder, wenn man vielfacher deutscher Millionär ist, mit ein
bis zwei blauen Lappen mit saurer Miene loskauft, wie es üblich war: es geht
setzt um den höchskeigenen Geldbeutel jedes deutschen Bürgers und seine höchsteigene
Stellung im Staat, wenn nationale Opfer von ihm gefordert werden.
Weitere Voraussetzung ist die Notwendigkeit der Erkenntnis der Kreise,
welche sich einzig und allein zu dieser Aufklärung eignen. So wie im Heere 1917,
mit den befohlenen Leutnants, darf die Aufgabe nicht angegriffen werden. Wenn
k. B. eine nationale Presse geschaffen werden soll — und das ist eine der dringendsien
Arbeiten —, müssen auch national bewährte Männer mit festen Ansichten mit
bieser Aufgabe betraut werden. Die Versuche mit den Kompromißnaturen, die sich heute
hinter die Zaren= und morgen mit der gleichen Beflissenheit hinter die Räteregierung
stellen, sind jetzt lange genug mit größtem Mißerfolg durchgeprobt worden.
Die Einbildung, man dürfe den Pelz nicht naß machen, den man waschen
will, muß aus den Köpfen der „maßgebenden“ Bürgerkreise verschwinden. Zentrum,
Freisinn und Sozialdemokratie stürzen sich wie die Bienenschwärme auf jede Erscheinung,
von der ihnen Gefahr zu drohen scheint, sobald sie sie durch Totschweigen nicht
mehr bannen zu können glauben, und sind dabei nicht im mindesten zartfühlend.
Sie sind immer sehr gut gefahren bei dieser Weise des Vorgehens und sind groß
geworden dabei. Die nationalliberalen und konservativen Bürgerkreise lehnen
seden ab, der eine Eule eine Eule neunt; sie verlangen von ihren Vorfechtern, sie
mögen die schwarze, goldne und rote Gefahr bekämpfen, aber dabei ja dem Zentrum,
dem Freisinn und der Sozialdemokratie nicht wehe tun; sie halten krampfhaft an
der Lehre fest, nur durch Rücksichtnahme nach links und rechts, oben und unten
ließe sich etwas erreichen, proben diese Lehre Jahrzehnte durch und erreichen damit
ihre so gut wie völlige Lahmlegung im Deutschen Reich; aber gelernt haben sie aus
ihrem verdienten Schicksal nichts. An sich wäre die Kampflage für das nationale
Bürgertum gar nicht schlecht, weil die Schwarzrotgoldnen ihren ohnehin lächerlich
geringen Vorrat an Intelligenz und Intelligenzen bereits in dem ersten halben Jahr
ihrer Herrschaft so gut wie erschöpft haben; sie bekamen das bischen Intelligenz
sowieso nur zusammen, indem sie sich des kleinsten Talglichtchens aufs liebevollste
annahmen und es zu einer großen Kirchenkerze herausputzten; ihr Nachwuchs ist
sammervoll, auch wenn sie ihn in Professuren und Ministersessel zu schieben verstehen.
Aber sie haben leichtes Spiel, weil ihre Gegner umgekehrt verfahren; wenn die irgend
eine nationale Intelligenz sich regen sehen, wenden sie sich befremdet ab, sowie
dieselbe auch nur einigermaßen die Eigenschaften einer Kampfnatur zeigt, stellen
sie kalt und lassen sie erfrieren. Dieses besitzende nationale Bürgertum ist sich selbst
eute noch nicht klar darüber, in welch verzweifeltem Kampf auf Tod und Leben es
sich befindet und wie bitter notwendig es die Kampfnaturen braucht, die seine Sache
verfechten. Seine Heerführer, die es gegen den mit den schärfsten Waffen ausgerüsteten
Gegner schickt, schaut es nicht darauf an, ob sie den Degen zu handhaben wissen,
sondern ob sie über ein wohlausgestattetes Lager von Glacchandschuhen verfügen.
Ehe es sich nicht zur Förderung seiner „scharfen“ Leute entschließt und sie in die erste
Reihe stellt, wird daher auch die Lage des Bürgertums hoffnungslos bleiben; mit
Glacchandschuhen kann man Spieß und Hellebarde nicht besiegen. Der Wege
zur Förderung gibt es viele.