Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Kriegsberichte:

Fronten  lag  völlig  verlassen  das  Dorf  Flaucourt.  Es
wurde  erst  in  der  Nacht  vom  3.  zum  4.  vom  Feinde
besetzt.  Inzwischen  waren  hinter  dem  Südabschnitt
erhebliche  Verstärkungen  an  Artillerie  und  Infanterie
  eingetroffen;  die  erstere  nahm  die  neuen  feindlichen
Stellungen  unter  scharfes  Feuer,  die  letztere  brachte
den  erschöpften  und  zurückgezogenen  Truppen  der
vordersten  Linie  die  wohlverdiente  Ablösung.  Durch
Offizierpatrouillen  stellten  wir  fest,  daß  der  Feind
sich  an  den  äußeren  Rändern  von  Flaucourt  und
Assevillers  eingrub.  Am  Abend  dieses  Tages  begannen
  weitere  feindliche  Vorstöße  auf  der  Linie
Belloy—Estrées-Soyéêcourt.  Der  Feind  nahm
Belloy  und  stieß  weiter  nach  Süden  vor,  wurde  aber
durch  Gegenangriff  wieder  in  das  Dorf  hineingeworfen
  und  auf  die  Straße  Barleux-Berny  zurückgedrückt,
  welche  noch  heuten  den  Verlauf  unserer  vorderen
  Stellungen  bezeichnet.  Vergebens  brach  der
Feind  zwischen  Estrees  und  Soyccourt  nach  Deniécourt
  vor  und  herein,  unsere  Reserven  warfen  ihn
wieder  hinaus.  Am  äußersten  rechten  Flügel  des
Südabschnittes,  am  Somme-Ufer,  drückte  der  Feind
eine  weit  vorgeschobene  Kompanie  auf  das  rechte
Somme  Ufer  zurück,  die  Weichenden  sprengten  hinter
sich  die  Sommebrücke  bei  Halle  in  die  Lust.  Im
übrigen  hielt  der  rechte  Flügel  bei  Biaches.  Noch  in
der  Nacht  vom  4.  zum  5.  Juli  scheiterte  ein  feindlicher
Angriff  auf  Biaches  in  unserem  Sperrfeuer.

Inzwischen  waren  weitere  Verstärkungen  eingetroffen.
  In  heftigen  Kämpfen  um  den  Besitz  von  Belloy
und  Estrées  blieb  ersterer  Ort  schließlich  in  der  Hand
des  Feindes.

So  hatte  sich  in  den  Kämpfen  der  ersten  fünf  Julitage
  für  den  Südabschnitt  eine  neue,  rechts  stark  zurückgebogene
  Frontlinie  gebildet.  Sie  verlief  nunmehr
  in  ihrem  Nordteil  nördlich  der  Somme  von
Hem  über  die  Monacu-  Ferme  am  Südrande  von
Clery  und  Halle  entlang  bis  nach  Sainte  Radeponde
der  Vorstadt  von  Peronne,  ging  dann  bei  Biaches
auf  das  linke  Somme-Ufer  über,  umschloß  Biaches
einschließlich  der  Ferme  La  Maisonette  und  Barleux,
von  hier  aus  folgte  sie  der  Straße  Barleux-Berny
bis  zur  Römerstraße,  schwang  sich  an  dieser  entlang
in  weitem  Bogen  um  Belloy  herum,  dann  wieder
nördlich,  so  daß  das  gane  Dorf  Estres  nebst  seinem
Gürtel  von  etwa  1  km  Breite  noch  in  unserer  Hand
war,  und  traf  etwa  1  km  südlich  der  Römerstraße
wieder  auf  unsere  unerschütterten  alten  Stellungen.

Die  nächsten  Tage  wurden  damit  verbracht,  die
nunmehr  festgelegten  Stellungen  auszubauen  und
die  Verhältnisse  neu  zu  ordnen.  Erst  am  9.  Juli  beann

  eine  Reihe  von  Einzelangriffen.  An  diesem
Lag  konnte  nach  kurzem  Trommelfeuer  der  Feind
Biaches,  La  Maisonnette  und  Barleux  nehmen.
  Barleux  wurde  aber  sofort  durch  zwei  Kompanien
  der  mecklenburgischen  Grenadiere  wieder  erobert,
  und  eingetroffene  Verstärkungen  holten  am  10.
auch  La  Maisonnette  zurück.

Der  11.  Juli  brachte  auf  dem  gesamten  Abschnitt
südlich  der  Somme  einen  neuen  großen  Angriff  der
Franzosen,  der  indessen  abgeschlagen  wurde,  ebenso
wie  ein  fernerer  Angriff  auf  Barleux.

Am  15.  gelang  es,  Biaches  zurückzuerobern,
während  am  16.  die  Maisonnette-Ferme  verlorenging
  und  bis  heute  noch  in  den  Händen  des  Feindes
blieb.  Der  nördlich  der  Ferme  gelegene  Wald  fiel

1  Ende  August  1916.

Sommeschlacht  215

ebenfalls  am  16.  an  den  Feind,  er  wurde  aber  bald
wiedergenommen.  Am  16.  waren  heftige  Angriffe
geoen  iaches,  am  17.  solche  gegen  Biaches  und  den

aisonnette-Wald  zu  bestehen.  Dann  trat  am  18.
und  19.  im  Südabschnitt  verhältnismäßige  Ruhe  ein.

V.

Während  dies  sich  im  Südabschnitt  abspielte,  hatten
im  mittleren  Abschnitt,  Sois  chen  Somme  und
Anere,  ebenfalls  heftige  Kämpfe  stattgefunden.  Wir
hatten  gesehen,  daß  es  hier  den  Engländern  in  den
nördlichen  zwei  Dritteln  des  Abschnittes  am  ersten
Tag  lediglich  gelungen  war,  in  die  vorderste  deutsche
Stellung  einzudringen  und  bis  zum  Rande  der  Dörfer
  Mametz  und  Montauban  vorzudringen.
Gleichzeiti  ½“.  die  Franzosen  bis  an  den  Westrand
  von  Larderourk  vorstoßen  und  südlich  noch  das
Dorf  Curlu  nehmen  können.  Ein  geringer  Erfol
in  Anbetracht  dessen,  daß  auch  hier  eine  womögli
noch  stärkere  Artillerievorbereitung  vorausgegangen
war  bei  beispiellosem  Einsatz  schwerer  und  schwerster
Geschütze.  Von  nun  an  wurde  in  diesem  Adschnitt
fast  ohne  jede  Unterbrechung  gekämpft.  Der  Feind
war  fortgesetzt  in  der  Lage,  die  gleichen  ungeheuren
Massen  von  Geschützen  aller  Kaliber,  ferner  Minenfeuer
  und  Gasangriffe  wirken  zu  lassen  und  seiner
Feuertätigkeit  durch  eine  Überzahl  von  Flugzeugen
die  Richtung  zu  geben.  Auch  setzte  er  bei  seinen  Infanterieangriffen
  starke,  völlig  frische  Truppenmassen
mit  einer  rücksichtslosen  Menschenvergeudung  ein,
wie  wir  sie  bisher  nur  vom  östlichen  Kriegsschauplatz
kannten.  Jedoch  auch  hier  für  ihn  dieselbe  überraschung:
  Nicht  zertrümmert  hatte  die  Artillerie  die
Verteidiger,  sondern  nur  hart  gehämmert.  Schrittweise,
  unter  furchtbaren  Verlusten,  drängte  die  vielfache
  Übermacht  sich  wohl  bis  zum  20.  Juli  vorwärts,
nach  diesem  Tage  aber  hatsietrotz  grimmigster  Kämpfe
nur  noch  an  einer  einzigen  Stelle  einen  unbedeutenden
  Gewinn  erzielt.

Die  langsamen  Geländefortschritte  des  Feindes
lassen  sich  im  einzelnen  in  einer  Überschauenden  Darstellung
  nicht  verfolgen.  Ihre  Hauptabschnitte  werden
  bezeichnet  durch  die  Dörfer  und  Waldstriche,  welche
das  Kampfgelände  beherrschen.

Die  Kämpfe  im  mittleren  Abschnitt  zwischen
dem  1.  und  20.  Juli  gliedern  sich  deutlich  in  den  franösischen

  und  englischen  Anteil.  Die  Grenze  der  beien

  Frontabschnitte  liegt  in  ihrem  allgemeinen  Verlauf
  etwa  1  km  südlich  der  Straße  Mametz-Montauban—Guillemont.
  Den  beherrschenden  Platz  in  diesem
Abschnitt  nimmt  das  Dorf  Hardécourt  ein.  Es
wurde  nach  erbitterten  Kämpfen  am  3.  Juli  von  den
Franzosen  erreicht  und  vom  8.  Juli  ab  behauptet.

Besonders  schwierig  gestaltete  sich  die  Lage  der  deutschen
  Truppen  in  dem  Sübdteil  des  französischen  Nordabschnittes.
  Den  gegenüber  dem  südlichen  Somme-Ufer
  gelegenen  —  hatten  wir  bekanntlich  gleich

u  Anfang  geräumt.  Von  hier  aus  war  es  dem

einde  möglich,  nun  unseren  linken  Flügel  nördlich
der  Somme  unter  Artillerieflankierung  zu  nehmen.
Aus  diesem  Grunde  wurde  das  Dorf  Hem  alsbald
unhaltbar  und  mußte  samt  den  nördlich  vorgelagerten
  Höhen  schon  am  5.  Juli  aufgegeben  werden.  Im
übrigen  hielt  hingebungsvolle  Ausdauer  der  dort  zur
Ablösung  herangezogenen  schlesischen  Truppen  den
nördlichen  Somme-Rand  und  die  Linie  Monacu-Fermebis
  etwa  zur  Mitte  zwischen  den  Dörfern  Hardécourt
  und  Maurepas  im  wesentlichen  unerschüttert  fest.