Volltext: Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

IV. Die Jahre der Enttäuschung und Erniedrigung. 475 
Zinsen hatten die Schuld bereits auf 127 Millionen gesteigert. 
Hier Nachlaß zu erwirken, erwies man sich dem Tyrannen in 
anderen Dingen dienstbeflissen. Brockhausen, den jener einen 
Minister nicht des Königs, sondern Schills gescholten hatte, 
wurde aus Paris abberufen. Das Gleiche geschah Finckenstein 
in Wien. Scharnhorsts Eutfernung aus dem Kriegsministerium 
wurde erwogen. Auch kehrte der König Weihnachten 1809 
nach Berlin zurück, obgleich er sich der Gefahren des dortigen 
Aufenthalts bewußt war. Erreicht aber wurde durch all das 
nichts. Das wiederholt erbetene Bündnis wurde für undis- 
kutierbar erklärt, so lange nicht die Kriegsschuld bezahlt sei, 
im Notfall durch neue Landabtretungen. Eine solche wollte 
Napoleon. Auch das Ministerium Dohna-Altenstein wußte keinen 
anderen Ausweg. In einer Denkschrift vom 12. März that es 
dem König dar, um jeden Preis müsse endlich „ein völlig 
reines Verhältnis“ zu Frankreich hergestellt werden; auch zu 
Sachsen und dem Herzogtum Warschau seien gute Beziehungen 
unentbehrlich. Deshalb sei eine Territorialcession erwägenswert 
und zu verantworten. Doch gelte es schnell abzuschließen, da- 
mit man nicht genötigt werde, mehr abzutreten, als die Schuld 
betrage. Ohne es zu nennen, hatten die Herren Schlesien im 
Auge. Preußen sollte die Hälfte des ihm gebliebenen Gebietes 
darangeben, um durch ihre Verbindung mit Sachsen und dem 
durch den Wiener Frieden um 2000 Quadratmeilen vergrößerten 
Warschau einen es in weitem Bogen umfassenden Staat von 
5000 Quadratmeilen bilden zu lassen! Es sollte Napoleon 
anbieten, was er sonst nur durch einen Krieg gegen Rußland 
erlangen konnte. 
Einen Akt der Selbstvernichtung muteten dem Könige seine 
Räte zu. Die Desorganisation führte zu politischer Demorali= 
sation. Das öffnete dem König die Augen. Eine ähnliche 
Krisis erfolgte wie einst in Osterode (S. 104). Friedrich Wil- 
helms Kraft lag in der Negative: bei dem steten Zweifel an 
sich selbst das Gute zu schaffen unvermögend, war er unbeug- 
sam, wo es Unheil zu hindern galt. Er handelte dabei weniger 
aus politischer Einsicht als unter dem Impuls eines starken 
moralischen Gefühls. So viel er dem ihn verfolgenden feind-