Volltext : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

1067  Geheiß  —  gehen.

(Gott)  Grillparzer  2,  7;  winkte  sie  mir  mit  glucklichem
  gesicht  geheimnisvoll  zu  Freytag  Erinn.  167;
geheimnisvoll  tbun,  den  geheimnisvollen  spielen;  mit
sehr  geheimnisvollen  mienen  tritt  Strephon  in  Cris--pinens
  haus  Gellert  Fab.  3,  21.

Geheiß,  n.  Gebot,  Befehl,  mhd.  gebeixe  neben  dem
Masc.  geheiz,  ahd.  tiheiz:  wil  mich  halten  zu  deinen
geheiszen  Pf.  119,  41;  deinem  geheisz  hab  ich  gegleubt
  66,  beide  mal  später  in  gebot  geändert;  in  neuer
Spr.  auf  den  mündlichen  Besehl  eingeschränkt  (Adelung):
  dein  rath,  dein  geheisz,  dein  belehl  Goethe
Br.  aus  v.  Schweiz  1;  fast  nur  in  Formeln:  er  hat  es
ohne  mein  geheisz  gethan;  auf  Ihr  geheisz  habe  ich  den
schwarzen  schleier  der  nacht  gelustet  Gaudy  Erz.  92.

Gehen,  sich  sortbewegen.  Gemeingerm.  Wort  verschiedener
  Gestaltung,  auf  eine  ursprüngliche  germ.  Wurzel  ga
zurückführend.  Das  kürzere  ahd.  mhd.  altengl.  altsächf.
Län,  dem  sich  nur  die  Präsensformen  anschließen,  eutfaltete
  im  Ahd.  Mhd.  eine  jüngere  Nebensorm  gen,
deren  é.  unter  Einsluß  eines  alten  Bildungs-i  des  Conjunctivs
  sich  zunächst  hier  entwickelte  und  dann  sich  auch
im  Indicativ  und  Impocrativ  festsetzte;  diese  Form  bestand
  vorzugsweise  im  Mitteldentschen,  wo  sie  in  Hessen
und  Düringen  seit  14.  Ih.  in  der  Zerdehnung  geben
anstritt  (dar  hine  gehen  Haupts  Zeitschr.  9,  269,  nidder
gehende  von  dem  schilte  274  u.  ö.);  so  gelangt  sie  durch
Luther,  der  sich  ihrer  in  früheren  Schriften  meist,  in
späteren  stets  bedient,  in  die  Schriftspr.  Die  Wurzel
gang,  entstanden  aus  ursprünglichem  ga  durch  Doppelung
  und  Eindringen  eines  zuerst  bloß  präsensverstärkenden
  n,  bestand  allein  im  goth.  gaggan,  altnord.  ganga,
und  neben  gän,  gôn,  im  altengl.  altsächf.  ahd.  gangan,
mhd.  gangen;  im  Präsens  bier  zurücktretend,  doch  begegnet
  es  noch  im  älteren  Nhd.,  selbst  bei  Luther:
Kung  mit  jm  Matth.  5,  41,  gang  hin  17,  27,  später  in
gebe  geändbert;  bei  anderen:  das  dir  kein  luft  nicht
gang  entgegan  Garg.  56,  bis  jetzt  in  oberdentschen  Mundarten;
  im  Präteritum  dagegen  allein  herrschend,  ahd.
keang,  giang,  gieng,  genc,  mhd.  gienc  (das  daneben
erscheinende  gie  ist  eine  späte  Neubildung  nach  gän),
nhd.  gieng  und  nach  mitteldentschem  Vorgange  ging  mit
kurzer  Aussprache  des  Stammvocals,  die  heute  sast  allgemein
  geworden  ist;  Partizip  der  Vergangenheit  ahd.
gigungun,  mhd.  uhd.  gegangen,  getürzt  auch  nur  gangen:
dasz  ich  nicht  wieder  nach  Soest  gangen  wäre  Simpl.
1,  312;  neben  seltenem  gegahn,  mhd.  gegän:  das  ich
(bin)  binweg  gegahn  BWaldis  Esop  1,  24.  Umschreibung
  der  Vergangenheitsformen  mit  sein,  selten  in
älterer  Spr.  mit  haben:  ich  acht  du  hast  zu  Tölpel  in
die  schul  gangen  Luther  1,  3745;  noch  heute  in  volksmäßiger
  Rede  bei  Erkundigung  nach  dem  Befinden:  wie
hats  gegangen?  —  Bedeutung  und  Gebrauch.  1)  in
eigentl.  Sinne,  von  Menschen  und  Tieren  (in  älterer
Spr.  auch  von  der  Schlange  1.  Mos.  3,  14):  ich  gebe
oder  lige,  so  bistu  um  mieh  Ps.  139,  3;  darnach  (je
nachdem)  das  vieh  und  die  kinder  gehen  können  1.  Mos.
33,  14;  dasz  er  seiner  glieder  nicht  müchtig  sein,  und
weder  gehen  oder  stehen  kann  Sandrub  120;  in
mannigfachster  Weise  mit  näheren  Bestimmungen,  die
die  Art  des  Gehens  anzeigen:  gerade,  aufrecht  geben;
ich  gehe  krum  und  seer  gebucket  Ps.  38,7;  auf  vier
füszen  (3.  Mos.  11,  21),  am  stabe  (2.  Sam.  3,  29),  am
stecken  fur  groszem  alter  (Sach.  8,  4)  gehen;  sie  gehen
ihren  stillen  schritt  Goethe  Faust  1;  oder  Ziel,  Zweck,
Richtung:  weiter,  vorwärts,  geradeaus.  hinauf,  hbinab,
aut  und  ab,  fürbasz  (Marc.  14,  35),  furder  (Luc.  14,  28)
gehen;  geh  du  linkswürts,  lasz  mich  rechtswürts  gehn
Schiller  Räub.  4,  5;  ich  weisz  nicht,  geb  ich  Lecht
oder  unrecht!  3,  2;  aus  einander,  fort,  wes  gehen,
dafür  auch  bloßes  gehen:  Johanna  gebt,  und  aimmer
kehrt  sie  wiccker  Schiller  Jungfr.,  Prol.  4,  vgl.  auch
nachher  die  Formel  gehl;  auts  feld,  auf  reisen,  ans  wasser,

gchen.  1068

durch  die  etadt,  in  den  wald,  uber  die  brucke,  unter
das  dach  (Matth.  8,  8),  unter  leute,  zu  guten  freunden,
zu  bette  geben  u.  s.  w.;  mit  dem  Acc.  der  Richtung:
das  er  seinen  weg  gienge  Richt.  17,  8;  gebet  ewre  strasze
Joh.  2,  16;  oder  dem  Gen.:  gebe  widerum  deines  weges
1.  Kön.  9,  15;  ich  lusse  gern  die  andern  ihres  pfades
gehen  Goethe  Werther  2;  mit  Infinitiven  durch  zu
vermittelt:  Laban  war  gangen  seine  herde  zu  scheren
1.  Mos.  31,  19;  menner  die  gegangen  waren  das  land
zu  erkunden  4.  Mos.  14,  38;  oder  ohne  zu:  beten  (Ind.
3,  11),  sehlalen  (5.  Mos.  31,  16),  betteln  (Hiob  20,  10)
gehen;  gieng  allen  imbis  an  des  alten  herrn  taflen  essen
Wickram  Nachb.  135  pilgrimme  die  nach  Loretto
wallfahren  gehen  Schiller  Fiesko  2,  15;  geb  lieber
jagen  Tell  3,  1;  auch:  gebt  sitzen!  Grillparzer  8,  45;
ihr  herzallerliebster  sei  sterben  gegangen  Wildenbruch
  Dicht.  u.  Ball.  75;  mit  Angabe  der  Wirkung:
die  füsze  blutig,  wund  gehen;  refl.:  dasz  sichs  leichter
zur  schenkenthur,  als  hinter  dem  pflug  auf  dem  felde
geht  Geibel  1,  18;  der  Inf.  als  Subst.:  das  gehen
und  kommen  währte  den  ganzen  tag;  —  in  Formeln,
Bildern,  Redensarten:  einem  über  sein  geld  gehen,  es
nehmen;  einem  um  den  bart  gehen  (Keller  Seldw.
1,  293),,  ihm  schmeicheln;  da  wir  mit  gebundenen  händen.
in  diesen  kampf  gingen  Bismarck  Reden  3,  29;  daher
ging  Hardenberg  ..für  die  oranische  sache  ins  zeug
Treitschke  1,  527;  den  Geehrten  läßt  man  auf  der
rechten  seite  gehen:  geh  allzeit  auf  der  rechten  seiten,
dasz  er  zur  linken  geh  daher,  als  ob  er  dein  discipel
wer  Grobian.  1227;  abweisender  Ruf:  geb!  (vgl.  oben
geben  für  weg  gehen):  willst  du  unser  feind  sein,  und
wir  sollen  dir  lächeln!  geh!  Goethe  Götz  2;  geht
mir,  ihr  seid  empfindliche  leute  Freytag  Journ.  1,1;
ach  geb,  wie  häszlich  du  bist  Wildenbruch  Opfer  6;
wen  man  nransch  den  läszt  man  gehen  (1.  Sam.
9,  19.  Luc.  14,  4);  daher  lasz  mich  geben!  Ruf  dessen,
der  von  einem  oder  etwas  frei  sein  will,  u.  a.  2)  in
uneigentl.  Sinne,  von  menschlichem  Verfahren,  wenn  es
einem  gehen  verglichen  werden  kann  oder  mit  einem
gehen  verbunden  ist,  in  den  verschiedensten  Wendungen;
von  einem  Thun,  Streben:  wie  schnell  gebt  der  mensch
zu  werke!  Iffland  Herbsttag  3,  10;  er  ist  hierbei  zu
weit  gegangen;  besinn  dich  aber,  wie  weit  du  mundlich
  gingst  mit  dem  Sesin  Schiller  Wallenst.  Tod  1,  3;
auf  das  ernstlichste  ging  er  daran,  auch  sein  land
wieder  völlig  katholisch  zu  machen  Ranke  Päpste  2,  40;
man  lernt  was,  man  geht  mit  der  zeit  Goethe  was
wir  br.  3;  in  sich  gehen,  berenen;  sich  gehen  lassen.
bei  Handlungen  und  Reden  wenig  Rücksicht  auf  andere
nehmen;  —  auf  Zustand,  Betragen,  Erscheinung  bezogen:
  gieng  nacket  und  barfus  Jes.  20,  2;  in  schönen
kleidern,  zerlumpt,  zerrisscen  gehen;  er  geht  den  ganzen
tag  muszig;  solche  hoch  gehende  thoren  Iffland
Frauenstand  3,  5;  auf  freiers  füszen  gchen;  von  Frauen,
schwanger  gehen  Luc.  1,  36  Var.;  auch  von  Tieren  Hiob
39,  1;  dafür  bloßes  gehen:  dasz  frauen,  wenn  sie  gehn,
ein  blinder  appetit  auf  wunderliches  zeug  und  tumme
speisen  zieht  Günther  421;  reimende  Formel  gehn
und  stehn  auf  die  gesamte  Erscheinung  zielend:  er  geht
und  steht  in  herrlichkeit  Bürger  Männerkeuschheit;
der  knabe  ist,  wie  er  geht  und  steht,  ein  schurke
Wieland  Amad.  15,  21;  mit  Jahren  des  Lebensalters,
dahin  kommen:  Jhesus  gieng  in  das  dreiszigst  jar  Luc.
3,  23;  so  sah  er,  als  er  ins  sechszehente  jabr  gieng
Schiller  Nänb.  2,  2;  in  der  Bibelspr.  vom  Fortschreiten
einer  Entwickelung:  David  aber  gieng  und  nam  zu,  und
dus  haus  Saul  gieng  und  nam  abe  2.  Sam.  3,  1;  und
vom  Wandeln,  Leben  führen:  sie  giengen  in  allen  gedoten
  und  satzungen  des  herrn  untaddelich  Luc.  1,  6.
3)  geber  von  Dingen,  die  Bewegung  in  eigentl.  Sinne
zeigen  wagen.  maschinen,  mühlen,  rüder,  ubren  gehen;
dasclbe  gehen  dic  schiftle  Pl.  104,  26;  der  wind  gehet