Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

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Und  als  ihr  aus  der  Schule  kamt  mit  verwehten  Haaren,
kalten  Fingern  und  nassen  Stiefeln,  da  hieß  es:  Schnell  die  Schuhe
ausgezogen!  Den  nassen  Mantel  aufgehängt!  Und  dann  tratet  ihr
in  die  warme  Stube  und  erwärmtet  die  verklammten  Hände.  Ja,
in  der  Stube  hier  ist's  gemütlich.  —

Es  dämmert,  es  dunkelt,  und  bald  kommt  die  Nacht.  Kaum
kann  einer  noch  das  Gesicht  des  andern  erkennen.  Es  ist  Zeit,  die
Lampe  anzuzünden.

Da  öffnet  der  Vater,  der  im  Lehnstuhl  am  Ofen  sitzt  und
schweigend  seine  Pfeife  geraucht  hat,  die  Ofentür,  und  siehe  da:
das  Feuer  im  Ofen  kann  nicht  nur  wärmen,  es  kann  auch  leuchten.
Hell  fällt  der  Schein  der  glühenden  Kohlen  auf  die  Zimmerwand,
so  daß  die  Kinder  sogar  das  Muster  in  der  Tapete  erkennen  können.
Seht  nur,  wie  unsere  alte  breite  Kommode  glänzt  und  glitzert;  das
sieht  ja  aus,  als  wäre  sie  vom  Tischler  frisch  aufpoliert.  Fritz  sitzt
auf  der  Erde  und  macht  im  hellen  Feuerschein  ein  Schattenspiel:
ein  niedliches  Kaninchen  hüpft  an  der  Wand  dahin  und  frißt  und
macht  Männchen.  Da  läßt  der  Vater  mit  seinen  Händen  ein  großes
Krokodil  auf  das  Kaninchen  losspringen,  und  es  beginnt  eine  Jagd
an  der  Wand,  das  Kaninchen  springt,  und  das  Krokodil  schnappt.
Die  Kinder  lachen  und  jubeln,  bis  endlich  das  Krokodil  das  Kaninchen
  aufgefressen  hat.

Nun  kommt  auch  die  Mutter  ins  Zimmer  und  fragt:  „Soll
ich  auch  die  Lampe  bringen?“  „O  nein!  O  neinl“  rufen  alle;
„wir  brauchen  sie  noch  nicht.“  Auf  die  Ofenplatte  legt  die  Mutter
Apfel,  die  fangen  bald  an  zu  puffen  und  zu  zischen,  und  setzt  sich
auch  mit  in  den  Kreis  um  das  Feuer.

Da  sitzen  nun  alle,  und  es  ist  einen  Augenblick  ganz  still  im
Zimmer  und  nichts  zu  hören  als  das  Ticken  der  Uhr,  das  Knistern
des  Feuers  und  das  Heulen  des  Windes  da  draußen.  —  „Bitte,
Vater,  eine  Geschichte!“  sagt  Erna,  und  die  andern  drei  Kinder
stimmen  ein:  „O  jal  O  jal  Eine  Geschichte,  Vater!  Bitte,  erzähl
uns  eine  Geschichte!“

Der  Vater  im  Lehnstuhl  hat  in  die  rote  Ofenglut  gestarrt  und
blickt  nun  verloren  über  die  Köpfe  seiner  Kinder  und  dann  wieder
in  das  Feuer  und  sagt:  „So  wie  ihr  jetzt  um  mich  herumsitzet  dicht
am  Feuer  und  auf  das  Heulen  des  Windes  hört,  und  wie  die  Bratäpfel
  im  Ofen  schmoren,  so  hab'  auch  ich,  als  ich  so  alt  war  wie
ihr,  oft  zu  Hause  bei  meinem  Vater  gesessen  und  ihn  um  eine  Geschichte
  gebeten.  Und  euer  Großvater  hatte  schon  als  Kind  viel
erlebt,  und  manches,  was  jetzt  in  euern  Büchern  steht  aus  der  Franzosenzeit,
  hat  er  mit  eigenen  Augen  gesehen  und  eigenen  Ohren  ge-