Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

Januar.

9.  den  Weit  über  100  Broschüren  sind  nur  in  Frankreich  über  die  Pabst=



tage  erschienen  und  es  erscheinen  immer  neue.  In  Italien  wird
die  erste  übersetzt,  in  Tausenden  von  Exemplaren  und  zu  einem  Spottpreise
  verbreitet.    Neapel:


(1859).  Der  Minister  Carafa  erklärt  dem  englischen  Gesandten  auf  seine










Anfrage,  welche  Leute  er  denn  für  Revolutionäre  halte,  rasch:  „Alle
jene,  welche  den  Wunsch  hegen,  gegen  den  Willen  der  Regierung  eine
Veränderung  in  den  Institutionen  des  Landes  anzubahnen“.

Derselbe  Minister  Carafa  erklärt  dem  englischen  Gesandten  im
September  1859  aufs  allerbestimmteste  „es  sei  die  einstimmige  Ansicht
der  Regierung,  daß  jedwede  Veränderung  in  den  Landesinstitutionen
eine  Revolution  erzeugen  würde  und  daß  die  Regierung  ihre  Bemühungen
  darauf  beschränken  müsse,  die  bestehende  Rechtspflege  einigermaßen
  zu  verbessern  und  dem  Gesetz  Achtung  zu  verschaffen.  —  —
Dem  Monarchen  müsse  aber  jederzeit  das  Recht  vorbehalten  bleiben,
sich  an  die  Stelle  der  gewöhnlichen  Gesetze  zu  stellen,  wenn  er  dies
im  öffentlichen  Interesse  für  nothwendig  erachte“.

31. Dec.  Eine  wiederholt  in  Neapel  vorausgesagte  allgemeine  Amnestie
wird  aufgeschoben;  an  ihre  Stelle  treten  50  persönliche  Begnadigungen.

Der  ganze  Hof  von  Neapel  begibt  sich  mit  großem  Gefolge  in  die
Kirche  der  Jesuiten  zum  feierlichen  Tedeum  beim  Jahresabschluß.  Eine
ungeheure  Volksmenge  erwartet  den  Zug  auf  der  Hin=  und  Rückfahrt.
1. Jan.  Der  königliche  Empfang  am  Neujahrsmorgen  ist  in  Neapel
überaus  glänzend.  Die  hoffähige  Welt  ist  höchst  zahlreich  vertreten.

15. In  Neapel  glaubt  man  allgemein,  daß  eine  Ministerkrisis  eingetreten
sei.  Der  Ministerpräsident  Filangieri  hat  sich  nach  Puzzuoli  zurückgezogen
  und  habe  seinen  Abschied  verlangt,  der  König  ihm  aber  nur
Urlaub  auf  6  Wochen  ertheilt.  Der  General  Pianel,  der  das  Armeecorps
  in  den  Abruzzen  längs  des  Kirchenstaats  befiehlt,  soll  Verstärkungen
  verlangt  haben.

Die  Gesandten  Englands  und  Frankreichs  Elliot  und  Brenier
erhalten  Instruktionen,  den  König  noch  einmal  darauf  aufmerksam  zu
machen,  welche  Aenderungen  in  seiner  Politik  der  neue  Zustand  in
Italien  verlange.

16. Lord  Russell  sagt  in  einer  Depesche  an  den  englischen  Gesandten  in
Neapel:  „Die  englische  Reglerung  wünscht  der  neapolitanischen  Dynastie
alles  Gute.  Wir  hegen  nicht  den  Wunsch,  uns  in  die  innern  Angelegenheiten
  Neapels  und  Siciliens  einzumischen.  Aber  gewissen  Wahrheiten
  können  wir  die  Augen  nicht  verschließen.  Es  ist  offenbar,  daß
die  gewöhnlichen  Regeln  der  Gerechtigkeit  vom  König  von  Neapel
seinen  Unterthanen  gegenüber  nicht  beobachtet  werden,  daß  Verzweiflung,
  wenn  sie  durch  Unterdrückung  entsteht,  Complotte,  Meuchelmorde,
  Verschwörungen  und  Aufstände  gebiert.  Sollten  derartige  Verschwörungen
  den  Thron  des  Königs  von  Neapel  gefährden,  so  könnte
die  englische  Regierung  nichts  anderes  thun,  als  die  Blindheit  seiner
Rathgeber  beklagen.  Aber  sie  wird  sich  nicht  der  Aufgabe  unterziehen,
die  Folgen  einer  Mißregierung  abzuwenden,  welche  kaum
ihres  Gleichen  in  Europa  hat  ...  Wos  jetzt  in  Neapel  geschieht,
  führt  unausweichlich  zum  Verderben“.

24. Der  sardinische  Gesandte  in  Neapel  Villamarina  überreicht  dem
König  seine  Kreditive  und  versichert  ihn  bei  dieser  Gelegenheit  „daß
das  gute  Einvernehmen  zwischen  der  sardinischen  und  der  neapolitanischen
  Regierung  so  lange  nicht  werde  gestört  werden,  als  die
letztere  bei  der  bisanhin  beobachteten  Neutralität  bleiben  werde“".