Full text : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

Vorbereitungen  zum  Bombardement  von  Paris.  43

die  noch  dahinter  ständen,  sehen  wollte;  eine  Neugier,  die  ihn  mindestens
  6000  Mann  kostete.

Für  Paris  war  der  Beginn  des  Monats  Januar  sehr  verhängnißvoll.
  Die  Lebensmittel  nahmen  ab  und  drohten  ganz  auszugehen,
und  das  Bombardement  begann.  Nach  dem  Willen  des  Königs
sollte  es  nicht  früher  eröffnet  werden,  bis  alle  Vorbereitungen  getroffen
  waren,  um  es  mit  dem  größten  Nachdruck  und  ohne  irgend
welche  Unterbrechung  fortsetzen  zu  können.  Diese  Vorbereitungen
waren  mit  ungeheuren  Schwierigkeiten  verknüpft.  Erforderte  es
ohnedies  lange  Zeit,  einen  Artilleriepark  von  einigen  hundert  Belagerungsgeschützen
  nebst  der  nöthigen  Munition,  vermittelst  einer
einzigen  durch  die  Sendung  von  Lebensmitteln  und  anderen  Gegenständen
  stark  in  Anspruch  genommenen  Eisenbahn,  aus  den  deutschen
Festungen  vor  Paris  zu  bringen,  so  häuften  sich  die  Schwierigkeiten
bei  der  letzten  Eisenbahnstation  Nanteuil  fur  Marne.  Von  da  bis
Villacoublay,  wo  der  für  die  Südfront  bestimmte  Belagerungspark
aufgestellt  werden  mußte,  betrug  die  Entfernung  etwa  11  Meilen,
und  der  Transport  auf  dieser  Strecke  erfolgte  auf  Fuhrwerken,
welche  hin  und  zurück  acht  Tage  brauchten.  Hier  handelte  es  sich
um  das  Aufbringen  von  etwa  2000  Wagen  und  um  das  Formiren
von  besonderen  Munitionskolonnen.  Mit  Ende  des  Jahres  1870
waren  275  Belagerungsgeschütze  nebst  Munition  nach  Villacoublay
gebracht  und  die  Nachsendung  der  Munition  gesichert.  In  der  Mitte
Januar  traf  in  Folge  der  Kapitulation  von  Mezieres  der  dort  freiwerdende
  Belagerungspark  auf  der  Nordseite  von  Paris  ein,  und
nun  konnte  auch  zur  Beschießung  der  Befestigungen  von  St.  Denis
geschritten  werden.  Um  in  diese  artilleristischen  Angriffe  Einheit  zu
bringen,  war  schon  am  23.  December  Generallieutenant  v.  Kameke
mit  der  oberen  Leitung  des  Ingenieur-Angriffs  und  der  Generalmajor
  Prinz  zu  Hohenlohe-Ingelfingen  mit  der  oberen  Leitung  des
Artillerie-Angriffs  beauftragt.  Zweck  der  Beschießung  war  nicht,
in  der  übermüthigen,  von  ganz  Europa  verhätschelten  Hauptstadt
ein  ungeheures  Zerstörungswerk  anzurichten,  sondern  auf  die  Bevölkerung,
  welche  hinsichtlich  ihrer  Ausdauer  und  ihres  kriegerischen
Heldenthums  bereits  auf  der  letzten  Station  angekommen  war,  noch
einen  „gelinden“  Druck  zur  Einführung  eines  beschleunigteren  Tempos
auszuüben.  Paris  mußte  kapituliren;  ein  anderer  Ausgang  des
Krieges  war  nicht  möglich.  Konnte  dies  ohne  Bombardement  ge-