502 Mebersicht der Ereignisse des Tahres 1870.
Nach solcher Vorbereitung konnte das Erscheinen eines Decretes, das
am 6. März das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes in
seiner schroffsten, ausschließlichsten Fassung aussprach, nicht wohl mehr über-
raschen: es war die prompte Antwort auf das Drängen der Infallibilisten,
auf die abmahnende Adresse der Minderheit vom 26. Januar. Die Lage
der letzteren aber ward zur Genüge gezeichnet durch die Thatsache, daß
der Bischof Stroßmayer, als er in der Sitzung vom 22. März in einer
gewaltigen Rede u. A. den Satz durchführte, Glaubenssachen könnten nicht
durch einfache Mehrheit, sondern nur unter moralischer Einhelligkeit ent-
schieden werden, als „verdammungswürdiger Ketzer“ in einem sürchterlichen
Tumulte niedergeschrieen wurde.
Der Opposition selber fehlte es, abgesehen von ihrer entschiedenen
Minderzahl, an der ersten Vorbedingung eines kraftvollen Auftretens, an
der Einheit der Ueber zeugung. Die Einen verwarfen die ünfehi—
barkeit aus principiellen Gründen als eine Lehre, die weder in der heil.
Schrift noch in den Ueberlieferungen der Kirche irgend einen Boden habe,
die Anderen nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit, aus Furcht vor den
Conflicten mit dem Staat und mit der Durchschnittsstimmung ihrer Ge-
meinden. So kam es niemals zu irgendeinem gemeinsamen. entschlossenen
Schritte, alle Proteste und Gutachten gingen von Einzelnen oder von ge-
trennten Gruppen aus und selbst die Bittschrift, welche am 10. April
endlich einmal offen sagte, das Bekenntniß der Un fehl barkeit mache
jeden ehrlichen Katholiken zum gebornen Feind des Staats,
war wohl von französischen, österreichischen, ungarischen, italienischen, eng-
lischen, spanischen und nordamerikanischen, aber nicht von deutschen Bi-
schöfen unterzeichnet, und doch waren unter ihnen diejenigen, welche Wissen
und Charakterfestigkeit am allerersten zu Wortführern der Opposition be-
rief. Aber freilich der Fuldaer Hirtenbrieff Dort hatten die deutschen
Bischöfe ihren Gläubigen gesagt: „Man beschuldigt den heil. Vater, daß
er unter dem Einfluß einer Partei das Concil lediglich als Mittel be-
nutzen wolle, um die Macht des apostolischen Stuhles über Ge-
bühr zu erhöhen, die alte und echte Verfassung der Kirche zu ändern,
cine mit der christlichen Freiheit unverträgliche geistliche
Herrschaft aufzurichten. Man scheut sich nicht, das Oberhaupt der
Kirche und den Episcopat mit Parteinamen zu belegen, welche wir bisher
nur im Munde der erklärten Gegner der Kirche zu finden gewohnt waren.
Demgemäß spricht man denn ungescheut den Verdacht aus: es werde den