544 Mebersicht der Exeignisse des ahres 1870.
tember 1869 dem Drange des Volkes nach politischer Freiheit, theils schon
gemacht hatte, theils für die Zukunft hoffen ließ, so, wurde begreiflich, daß
man damals in weiten Kreisen träumte vom Bevorstehen der politischen
Wiedergeburt des in seinem inneren. Leben. bis dahin so unglücklichen Landes.
Ein geistvoller und kundiger Beobachter der französischen. Dinge schrieb
unter diesen Eindrücken den preußischen Jahrbüchern. am (4.5. Januar:
„Mir erscheint der 2. Januar als der größte Tag, den. Frankreich gesehen
seit jener Nacht des 4. August 1789, der Todesnacht des Feudalstaates;
nach achtzig langen Jahren blutiger Wirren und noch betrübenderer gei-
stiger Wirren der Versöhnungstag und zugleich die Geburtsstunde des
freien modernen Staats.“
Die Versöhnung des Kaiserthums, mit der Freiheit war Ollivier's
offen ausgesprochenes Programm, seit er in der Adreßdebatte vom März
1861 die Novemberdecrete des Kaisers als den ersten verheißungsvollen
Schritt auf einer Bahn gepriesen, auf der er nur weiter zu schreiten
brauche, um die überwiegende Mehrzahl der Nation zu begeisterter Be-
wunderung fortzureißen, und hinzugefügt: „Und ich, der ich Republikaner
bin, würde bewundern helfen, und meine Hilfe würde sich um so wirk-
samer erweisen, als sie ohne Eigennutz sein würde.“ Jahre lang hatte##er-
einsam dagestanden mit dieser Anschauung, einsam gegenüber der Mehrheit
des gesetzgebenden Körpers, die theils aus ruheliebenden Satisfaits, theils-
aus servilen Mameluken des Kaisers bestand, und nicht minder einsam
gegenüber der Opposition, die mit jeder Neuwahl die Zahl ihrer Wort-
führer, aber auch die Entschiedenheit schroffen Widerstandes gegen das
Kaiserthum selber wachsen sah. Unbestreitbar richtig nach dem Urtheil
jedes besonnenen Politikers war der Gesichtspunkt, unter dem er fort und
fort zum entschlossenen Einlenken in die parlamentarische Umbildung des
Kaiserthums drängte. So sagte er am 24. März 1865: „Der Augen-
blick zur Umkehr ist gekommen. Die Jugend Frankreichs vergendet ihre
Kräfte in müssiger Sehnsucht nach besseren Zuständen. Eine neue Gene-
ration will eintreten in die politische Arena. Der Tod lichtet die Neihen
der Diener und Anhänger des bisherigen Regime. Eine weise Reglerung
wird nicht zu früh nachgeben, denn die neuen Ideen müssen erst ihre Be-
rechtigung erproben, aber auch nicht zu spät, soll nicht die allgemeine Ver-
achtung den Sturz beschleunigen. Für das Kaiserthum ist jetzt der rechte
Moment gekommen, und nur eine feste Regierung, die des anderen Tages
sicher ist, kann eine Nevolution bewirken, auf welche nicht im öden Kreis-