Contents : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

205!  Offenes  Schreiben  an  Herrn  Heinrich  Cernuschi.  205

Nun  weiß  ich  allerdings,  daß  Sie  sich  insbesondere  diesen  letzteren
Beweis  sehr  leicht  vorstellen.  Sie  sagen  einfach:  dem  französischen  Münzvorrathe
  wurde  zwar  abwechselnd  Gold  oder  Silber  entzogen,  je  nachdem
auf  dem  Londoner  Edelmetallmarkte  eines  dieser  beiden  Edelmetalle  im
Preise  stieg;  wenn  aber  alle  Welt  den  Bimetallismus  acceptirt,  so  kann
eine  Preisschwankung  zwischen  Gold  und  Silber  fernerhin  nicht  mehr  stattfinden,
  ebensowenig,  als  sie  während  der  Herrschaft  des  Bimetallismus  in
Frankreich  stattfand;  es  kann  also  Niemand  ein  Interesse  daran  haben,  Gold
oder  Silber  aus  dem  Verkehre  zu  ziehen  und  die  Gefahr  der  Erschöpfung  des
Vorrathes  an  einem  dieser  Edelmetalle,  die  für  das  isolirte  Frankreich
Gwetachlich  bestand,  ist  daher  für  die  bimetallistisch  organisirte  Welt  unmöglich.


Doch,  doch,  sie  ist  möglich!  Für  die  nächste  Zukunft  wäre  allerdings
Nichts  zu  befürchten.  Der  Unterschied  in  den  Produktionskosten  zwischen
Gold  und  Silber  ist  heute  offenbar  noch  nicht  so  groß,  als  daß  er  durch
ein  so  kolofsales  Hausse  =  Syndikat  für  Silber  und  Baisse-Syndikat  für
Gold,  wie  es  Ihr  bimetallistischer  Weltmünzbund  wäre,  nicht  gewaltsam
paralyfirt  werden  könnte.  Aber  selbst,  wenn  die  Dinge  nur  in  dem  Maße
fortschreiten  wie  bisher,  muß  nothwendigerweise  in  einigen  Decennien  eine
Zeit  kommen,  wo  die  Macht  der  natürlichen  Verhältnisse  sich  stärker  erweist,
als  die  vereinten  Maßregeln  aller  Gesetzgeber  der  Erde.  Es  ist  nämlich  klar,
daß  mit  jeder  Zunahme  des  Edelmetallvorraths  der  Erde  die  Abneigung
der  civilifirten  Länder  des  Abendlandes  gegen  das  Silber  und  die  Vorliebe
für  das  Gold  sich  steigern  muß.  Denn  diese  Antipathie  und  Sympathie
beruht  auf  keiner  launischen  Gefühlsverirrung,  sie  ist  nicht,  wie  Sie  sonderbarerweise
  annehmen,  das  Ergebniß  planmäßiger  Verhetzung  seitens  der
monometallistischen  Schriftsteller.  Ich  zum  mindesten  halte  es  geradezu  für
lächerlich,  den  auf  die  engsten  Fachkreise  berechneten  Schriften  einiger
wenigen  Gelehrten  einen  so  ungeheueren,  unbezwinglichen  Einfluß  auf
die  Neigungen  der  Bevölkerung  eines  ganzen  Welttheils  zuzumuthen.  Bedenken
  Sie  wohl,  daß  in  England,  wo  diese  Neigung  am  ausgesprochensten
vorhanden  ist,  eine  monometallistische  Propaganda  ursprünglich  gar  nicht
bestand  und  auch  jetzt  nur  ganz  schwache,  nachlässige  Anläufe  zur  Abwehr
  der  bimetallistischen  Bekehrungsversuche  gemacht  werden.  Die  Kulturnationen
  des  Abendlandes  ziehen  das  Gold  vor,  weil  es  gerade  wegen  der
gewaltigen  Edelmetallfunde  der  letzten  Decennien  handsamer  geworden  ist
für  den  Verkehr,  als  das  kraft  derselben  Ursache  allzuschwerfällig  gewordene
Silber.  Ob  es  Gold  oder  Silber  war,  was  auf  den  Markt  strömte,
bleibt  diesbezüglich  ganz  gleich,  denn  jede  Vermehrung  der  Cirkulationsmittel
  trug  dazu  bei,  deren  relative  Kaufkraft  zu  schwächen,  d.  h.  die
Preise  aller  anderen  Waaren  zu  steigern;  und  so  kam  es,  daß  gerade  die
riesigen  kalisornischen  und  australischen  Goldfunde  der  letzten  Decennien
ausschlaggebend  wurden  für  die  Umwälzung  im  Münzwesen.  Unsere  Großväter
konnten  mit  einer  Handvoll  Silberthalern  ausreichende  Vorsorge  für  die
Käuse  und  Verkäufe  vieler  Tage,  Wochen,  ja  Monate  treffen;  was  ist  solch’  eine
Handvoll  Silberthaler  heute!  Denn  es  ist  nicht  blos  die  Kaufkraft  des  Geldes
geringer  geworden,  auch  die  Bedürfnisse  sind  gewachsen,  und  wenn  unsere
Großväter  täglich  5  Franks  brauchten,  so  finden  wir  heute  in  derselben