Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierzehnter Jahrgang. 1873. (14)

Aebersicht  der  Ereignisse  des  Zahres  1873.

Herrschern  von  Preußen  und  Rußland  war  während  des  Krieges  für
Deutschland  von  ganz  unschätzbarem  Werthe  und  gestaltete  sich  nach
demselben  wo  möglich  noch  fester  und  enger.  Es  bildete  den  Boden,
auf  dem  der  Fürst  Bismarck  stehen  konnte,  um  von  ihm  aus  weitere
Kreise  zu  ziehen.  Die  erste  weitere  Macht,  die  sich  dem  neu  erstandenen
  deutschen  Reiche  näherte,  war  Oesterreich  und  zwar  schon  während
  des  Krieges,  noch  vor  Ablauf  des  Jahres  1870.  So  zweifelhaft,
  um  nicht  zu  sagen  zweideutig,  seine  Haltung  um  die  Mitte  des
Jahres  gewesen  war,  so  klar  erkannte  es,  nachdem  einmal  die  ersten
großen  Schläge  gefallen  waren,  rasch  die  ganze  Lage  der  Dinge.  Es
war  noch  Beust  selber,  der  Deutschland  die  Hand  bot  und  dieses
zögerte  keinen  Augenblick,  in  dieselbe  einzuschlagen.  Bevor  es  den
Schritt  that,  mußte  sich  Oesterreich  die  Consequenzen  desselben  vollkommen
  klar  machen:  wie  es  nach  1866  auf  seine  ganze  frühere  Politik
  gegenüber  Italien  verzichtet  hatte,  so  verzichtete  es  damit  jetzt  auch
auf  seine  ganze  bisherige  Politik  gegenüber  Deutschland.  Ein  klares  und
festes  Freundschaftsverhältniß  zu  Deutschland  war  überhaupt  nur  möglich,
  wenn  Oesterreich  sich  auf  moderne  Grundlagen  stellte  und  seiner
bisherigen  sog.  conservativen  und  spezifisch  katholischen  Politik,  d.  i.  der
reactionären  Politik,  ein  für  alle  Mal  den  Abschied  gab.  Man  muß
gestehen,  daß  es  gegenüber  Deutschland  wie  gegenüber  Italien  mit  einer
Großherzigkeit  handelte,  die  alle  Achtung  verdient,  und  daß  es  die  neue
Bahn  ohne  Rückhalt  betrat  und  sie  bis  heute  fest  gehalten  hat,  wobei
es  freilich  nicht  verkennen  konnte,  daß  dieß  nicht  nur  der  einzige  Weg
sei,  um  dem  Reiche  nach  Außen  hin  einen  dauernden  Frieden,  dessen  es  so
sehr  bedurfte,  zu  sichern,  sondern  auch  im  Innern  die  mannigfaltigen  Kräfte
des  alten  Reiches  zu  entwickeln  und  dasselbe  einer  neuen  Blüthe  und  neuem
Glanze  entgegen  zu  führen  einzig  dienen  könne.  Begreiflicher  Weise  mochte
es  trotz  allem  dem  Kaiser  von  Oesterreich  einige  Ueberwindung  kosten,
als  er  zum  ersten  Mal  den  Besuch  des  deutschen  Kaisers  in  Ischl
empfing;  seither  aber  hat  sich  auch  zwischen  diesen  beiden  Herrschern
offenbar  ein  nicht  nur  freundliches,  sondern  wirklich  freundschaftliches
Verhältniß  ausgebildet.  So  wichtig  auch  für  Deutschland  das  freundliche
  Verhältniß  zu  Rußland  war  und  ist,  so  ist  es  doch  keine  Frage,
daß  das  gleiche  Verhältniß  zu  Oesterreich  für  dasselbe  noch  viel  wichtiger
  ist:  auf  ihm  allein  beruht  vor  allem  der  Friede  der  Welt,  zum
Vortheil  des  einen  ebenso  sehr  wie  des  andern.  Aber  während  so
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