Contents : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

76

naturgemäß  nur  das  Werk  von  Generationen  sein
kann,  der  Produktionssteigerung  ziemlich  enge  Grenzen
  ziehen.  Die  Vermehrung  der  Getreideerzeugung
über  den  eigenen  Bedarf  hinaus  erfordert  aber  eine
Anregung  durch  gesicherten  Absatz  zu  lohnenden  Preisen.
  Bezeichnend  hierfür  ist  z.  B.,  daß  sich  die  Erzeugung
  Ungarns  seit  einer  Reihe  von  Jahren  annähernd
  innerhalb  des  Bedarfs  des  mit  Osterreich
gemeinsamen  Zollgebietes  hält,  nicht  zuletzt  deshalb,
weil  ein  regelmäßiger  stärkerer  Ausfuhrüberschuß  die
Ausnutzung  der  Zölle  im  Preise  verhindern  würde.
Wichtig  ist  ferner,  daß  auch  schon  in  Friedenszeiten
der  Ausfuhrüberschuß  der  erzeugenden  Länder  nach
den  verbündeten  Ländern  mit  Einfuhrbedarf  geht,  weil
sich  die  Güterbewegung  während  eines  Krieges  nur
mit  Schwierigkeiten  neuen  Verkehrsstraßen  anpaßt.

Rohstoffe.  Von  den  industriellen  Rohstoffen  stehen
Baumwolle,  Schafwolle,  Metalle  und  Kautschuk  in
erster  Reihe.  Schon  vor  dem  Kriege  hat  sich  die  Textilindustrie
  lebhaft  um  die  Ausdehnung  des  Baum.
wollbaues  außerhalb  der  Vereinigten  Staaten  bemüht,
um  aus  der  Abhängigkeit  von  den  Vereinigten  Staaten
herauszukommen,  deren  Produktion  nicht  mehr  viel  gehoben
  werden  kann,  während  der  Eigenverbrauch  mit
der  Zunahme  der  dortigen  Bevölkerung  und  der  Entwicklung
  der  eigenen  Textilindustrie  beständig  zunimmt.
  Anbauversuche  in  Kleinaßeen  waren  sehr  erfolgreich,
  und  die  natürlichen  Bedingungen  für  den
Baumwollbau  sind  in  Mesopotamien,  wenn  erst  einmal
  Bewässerungsanlagen  hergestellt  sind,  durchaus
gegeben.  Sowohl  der  Balkan  wie  Kleinasien  verfügen
über  große,  zum  größten  Teil  aber  noch  nicht  erschlossene
  Erzreichtümer.  Die  Wollschafzucht  ist  in  der
Türkei  noch  sehr  steigerungsfähig,  und  mit  Ausnahme
rein  tropischer  Produkte,  die  ja  zum  Teil  nur  Genußmittel
  sind  und  daher  entbehrt  werden  können,  dürfte
Mesopotamien  die  meisten  Bodenerzeugnisse  liefern
können,  wobei  übrigens  selbst  in  bezug  auf  Kautschuk
keineswegs  das  letzte  Wort  gesprochen  ist.

Kapitalanlagen.  Eine  Steigerung  der  Erzeugung
  hat  natürlich  auch  die  Investition  von  Kapital

ur  Voraussetzung,  woran  industrielle  Länder  übersß-.

  Länder  der  Rohproduktion  Mangel  haben;  für
den  Vierbund  kommen  das  Deutsche  Reich  und  Österreich
  als  Geldgeber,  Ungarn,  Bulgarien  und  die  Türkei
  als  Geldnehmer  in  Betracht,  ein  Verhältnis,  das
schon  vor  dem  Kriege  bestand,  sich  nach  dem  Kriege
aber  in  verstärktem  Maße  herausbilden  wird.  Viele
Deutsche,  die  sich  vor  dem  Kriege  im  jetzt  feindlichen
oder  unfreundlich  neutralen  Ausland  wirtschaftlich
betätigt  und  dort  durch  den  Krieg  die  schwersten  materiellen
  Verluste  erlitten  haben,  werden  es  sich  selbst
für  den  Fall,  daß  sie  diese  teilweise  ersetzt  erhalten,
zweimal  überlegen,  ihre  Tätigkeit  dort  wieder  aufzunehmen;
  in  vielen  Fällen  werden  hierfür  überhaupt
die  Voraussttungen  fehlen.  Gerade  diese  Kräfte,  die
sich  als  deutsche  Auslandspioniere  schon  bewährt  haben,
  werden  sich  gerne  einem  Betätigungsfelde  zuwenden,
  das  ihnen  die  Sicherheit  gibt,  die  schlimmen
Erfahrungen  des  Weltkrieges  nicht  etwa  noch  einmal
machen  zu  mlssen.

Formen  des  wirtschaftlichen  Iusammenschlasses.
All  dies  drängt  dazu,  die  politische  Gemeinschaft  auch
durch  eine  wirtschaftliche  zu  ergänzen  ohne  Rücksicht
darauf,  ob  uns  deftr  guemmeeseleh  durch  das  Verhalten
  unsererjetzigen  Feinde  aufgezwungen  wird  oder
nicht.  In  der  Form  dieses  Zusänzmenschlufses  wird
man  aber  kein  gleichmäßiges  Schema  anwenden  kön-I.

  Politik  und  Geschichte

nen.  Sie  vermag  zwischen  Ländern  fortgeschrittener
wirtschaftlicher  Entwicklung,  wie  dem  Deutschen  Reich
und  ÖOsterreich-Ungarn,  viel  enger  zu  sein  als  zwischen
diesen  und  den  Balkanländern  sowie  der  Türkei,  die
noch  auf  einer  ursprünglicheren  Stufe  stehen.
Deutschland  und  Österreich-Ungarn.  Ein
wirtschaftlicher  Zusammenschluß  Deutschlands  mit
Osterreich--Ungarn  hat  eine  fast  siebzigjährige  Vorgeschichte.
  Anfangs  der  fünfziger  Jahre  des  vorigen
Jahrhunderts  suchte  Osterreich  den  Eintritt  in  den
preußisch-deutschen  Zollverein;  wie  dieser  Versuch
hauptsächlich  durch  politische  Momente  bestimmt  war,
so  wurde  er  von  Preußen  aus  Gründen,  die  auf  dem
leichen  Gebiete  lagen,  abgelehnt.  Der  österreichische
Landels-  und  spätere  Finanzminister  Baron  Bruck
schlug  einen  völligen  Zusammenschluß  mit  einer  allmählich
  abzubauenden  Zwischenzollinie  vor.  Auch
heute  hat  dieser  Gedanke  insbesondere  in  Osterreich
manche  Anhängerjzes  hatsich  freilich  herausgestellt,  daß
die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  letzten  halben  Jahrhunderts
  die  Durchführung  eines  solchen  Planes  keineswegs
  erleichtert  hat.  Während  in  Osterreich  ein  Teil
der  Industrie  fürchtet,  durch  den  Wettbewerb  der  unter
  günstigeren  Produktionsbedingungen  arbeitenden
rei  vdeutschen  Industrie  erdrückt  zu  werden,  glaubt  die
Großindustrie  des  Deuischen  Reiches,  daß  die  Gemeinsamkeit
  der  Handelspolitik  den  Ausfuhrinteressen  der
deutschen  Industrie,  für  die  Osterreich-Ungarn  ein  verhältnismäßig
  bescheidenes  Absatzgebiet  darstellt,  nicht
genügend  werde  Rechnung  tragen  können.  Ein  anderer
Plan,  der  vom  mitteleuropäischen  Wirtschaftsverband
und  zahlreichen  Volkswirtschaftlern  vertreten  wird,  geht
dahin,  daß  die  beiden  Wirtschaftsgebiete  sich  zolltarrfarische
  Zugeständnisse  machen  sollen,  die  nicht  unter
den  Begriff  der  Meistbegünstigung  fallen  (Präferenzsvstem),
  wogegen  vielfach  eingewendet  wird,  daß  dies
den  Abschluß  von  Handelsverträgen  mit  anderen  Staaten,
  auf  den  man  angewiesen  sein  werde,  erschweren
würde.  Großer  Wert  wird  insbesondere  von  österreichisch-ungarischer
  Seite  auf  Bestimmungen  über
den  gemeinsamen  Abschluß  von  Verträgen  mit  dritten
Staaten  und  auf  Vereinbarungen,  die  einen  rücksichtslosen
  Wettbewerb  der  Verbündeten  auf  dem  Balkan
und  in  der  Türkei  hintanhalten  sollen,  gelegt.  Ferner
sind  eine  Angleichung  auf  dem  Gebiete  des  Rechts,  was
für  die  kaufmännischen  Kreise  praktische  Bedeutung
hat,  und  eine  Ausgestaltung  des  Verkehrswesens,  insbesondere
  ein  Ausbau  der  Donaustraße  und  ihr  Anschluß
  an  das  mitteleuropäische  Wasserstraßennetz,  in
Aussicht  und  teilweise  auch  schon  in  Angriff  genommen.
Balkan  und  Türkei.  Auf  dem  Balkan  und  in
der  Türkei  werden  sich  die  beiden  Mittelmächte  in  die
Aufgaben  der  wirtschaftlichen  Erschließung  teilen
müssen,  wobei  Osterreich-Ungarn  durch  seine  geographische
  Lage,  Deutschland  durch  seine  größere  Finanzkraft
  und  industrielle  Entwicklung  begünstigt  ist.
Im  Orient  sind  wirtschaftliche  Fragen  stets  ein  Politikum
  gewesen.  Die  militärische  Stärke  jedes  Staates
hängt  von  seinen  wirtschaftlichen  Hilfsmitteln  und
dem  Stande  seiner  Finanzen  gewiß  nicht  ausschließlich,
  aber  doch  in  hohem  Maße  ab.  Die  Verteidigungsfähigkeit
  der  Türkei  fordert  auch,  wie  wir  in  diesem
Kriege  deutlich  sehen,  den  Ausbau  seines  Bahnnetzes.
Zur  Lösung  dieser  Aufgaben  ist  die  Türkei  aber  nur
mit  Unterstützung  der  Mittelmächte  befähigt.
Jnteressen=  und  Machtpolitik.  Die  Interessengemeinschaft
  ist  es,  die  den  Weiterbestand  des  Bundesverhältnisses,
  das  sich  im  Kriege  gebildet  hat,  auch  für