Contents : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

Frühling.

Sounntag  früh  und  Frühling  ist  es.  Da  will  ich
doch  einmal  hinaus  und  die  Natur  erwachen  sehen,
mich  an  ihrem  Werden  erfreuen.  Bald  bin  ich  aus
der  dumpfen  Stube  in  dem  dämmernden  Tag.  Den
Wiesenweg  zum  Walde  schlage  ich  ein,  dorthin,  wo
der  Bestand  so  verschieden  ist.  Birken,  Eichen,
Buchen  wechseln  mit  Tannen  und  Lärchen  ab  und
gerade  da  ist  der  Frühling  so  schön,  zeigt  sich  in
jeiner  vielseitigen  Gestalt.  Die  Wiesen  bededt  leichter
  Nebel,  der  mit  dem  Tagesgrauen  die  Fernsicht
noch  verhindert.  Wie  grode  gelbe  Flecke  leuchten
zu  beiden  Seiten  des  sumpfigen  Pfades,  den  ich  betreten,
  die  Dotterblumen,  aus  der  Ferne  höre  ich

das  Kiwitt,  Kiwitt  des  Kibitzes,  des  Flugkünstlers.
  Krähen  scheinen  auf  dem  Zuge  von  den

Schlafbäumen  sein  Nest  zu  bedrohen.  Der  gellende,
ängstlich  klingende  Schrei  kommt  näher  und  näher
zu  mir.  Und  ein  Bussardweibchen,  das  kaum  die
Schwingen  regend,  durch  die  Nebelschwaden  zieht,
werde  ich  gewahr,  verfolgt  von  zwei  auf  es  stoßenden,
  schreienden,  gaukelnden  und  surrenden  Ki—
biten.  Jetzt  eräugen  sie  mich,  lassen  vom  Raubbogel
  ab,  der  gelassen  weiterstreicht,  und  versuchen
mich  in  die  Flucht  zu  schlagen.  Reichlich  zweihumdert
  Günge  bringen  sie  mich,  dann  sehen  sie  ein,
wie  Harmlos  ich  heute  bin,  denn  nur  einen  leichten
Stock  trägt  meine  Hand.  Es  ist  heller  geworden.
Der  Wasserdunst  lagert  sich  auf  den  kurzen  Grösern,
  ein  Leuchten,  das  Erwachen  des  jungen  Tages

  verkündend,  geht  über  die  glitzernde  nasse
Fläüche.  Die  Wiesle  gleicht  einer  Silberplatte.

Einige  Regenpfeifer  trippeln  am  Rande  des  kleinen

Tümpels  dort  umher,  Kerfen  zum  Frühmahl  zu
suchen.  Wie  eine  Schafherde,  so  grade  und  durcheinander

  stehen  auf  einem  fernen  Haferstücke  Kraniche.
  Mit  Trompetentönen  macht  ihre  ausgestellte
Wache  auf  den  Menschen  sie  aufmerksam;  lang  und
länger  werden  die  Ibicusvögel,  sie  werden  hoch,
in  breiter  Linie  reisen  sie  ab.

Die  letzte  Strecke  des  Weges  ist  mit  Gebüsch  bestanden.

  Noch  sehen  die  Erlen  wie  abgestorben
aus.  Nur  die  braunen  Kätzchen  und  die  roten
Fruchtknospen  zeugen  von  Leben,  das  schon  unter

der  Rinde  pulsiert.  Nachbarin  Weide  dagegen  hat
schon  den  Brautschmuck  angelegt,  keck  stehen  schmale
Blättchen  in  die  Höhe,  aufrecht  die  Sammetpfötchen
  der  männlichen  und  am  andern  Busch  die

Von  Curfs  Bloe  dorn.

rauheren  der  weiblichen.  Ja,  bei  der  Weide  ist  es
umgekehrt  wie  bei  den  Menschen,  wo  Weichheit  und
Schönheit  Eigentum  des  Weibes  ist.  Ein  früher
Buchfink  singt  ein  Dankeslied  dem  jungen  Grün,
wiederholt  es  immer  und  immer  wieder,  seine  kleine
Brust  zittert  dabei,  zeigt  doch  der  sprießende  Busch
ihm  den  Frühling.  Und  gleich  in  der  Frühe  hat
der  kleine  Sänger,  dessen  Pink,  Pink  mich  erfreut,
sein  schönstes  Kleid  angezogen:  ich  habe  ihn  stark
in  Verdacht,  daß  er  heute  noch  sich  um  die  Gunst

des  Finkenfräuleins,  das  in  dem  Weißdornbusch
zur  Rechten  sitzt,  bewerben  will.  Möge  es  ihm
gelingen.  Damit  ich  nicht  störe,  mache  ich  einen

kleinen  Bogen  um  die  Büsche,  springe  über  den
schmalen  Graben  zur  linken  Hand,  umschlage  eine
Strecke  des  Steiges  auf  der  Wiese  und  komme  kurz
vor  dem  Walde  wieder  auf  ihn.  Birken  haben  die
Erlen  und  Weiden  hier  abgelöst  und  bleiben  zu
beiden  Seiten,  bis  ich  an  den  Saum  des  Holzes
komme.  Reinweiß  mit  schwarz  durchsetzt  sind  die
Stämme  dieses  mir  liebsten  Baumes,  wunderschön
ihre  Kronen  im  frischen  Grün.  Wie  mit  einem
großen  durchsichtigen  Schleier  behangen,  der  mit
tausend  und  abertausend  zarten  grünen  Blättchen
durchsetzt,  bewegen  sie  sich  leicht  im  lauen  Wind.
Ein  feiner,  unbeschreiblich  erquickender  Duft  geht
von  ihnen  aus.  Die  Stare,  die  in  der  größten,
dort  am  Rande  sitzen,  merken  ihn  auch.  Sich  in
den  wiegenden  Zweigen  schaukelnd,  schmettern  und
pfeifen  sie  um  die  Wette,  zeigen  den  Milliarden
kleinen  Blättchen,  was  sie  andern  Vögeln  abgelauscht,
  daß  sie  Nachahmer  vieler  gefiderter  Genossen
  sind.  Vor  Anstrengung  schwellen  die  Kehlen,
die  Flügel  schlagen,  die  Schnäbel  arbeiten  eifrig,
erzählen  in  tausend  Tönen,  es  wird,  es  ist  Frühling.


In  den  Wald  trete  ich,  in  das  Heiligtum,  das
er  dem  Menschen  sein  soll.  Sieh  Dir  den  Wald  zu
jeder  Jahreszeit  an  umd  vergleiche  seine  Geburt,
sein  Wachsen  und  Werden,  aber  auch  sein  Sterben
mit  deren  der  Menschheit.  Wie  ähnlich  sind  sie.
Schwer  zu  ziehen,  langsam  und  kernig  im  Heranwachsen
  die  Eiche,  die  Buche,  spät  reif  und  ausdauernd
  ihr  Leben,  stark  selbst  ihr  Sterben.  Alles
wie  in  ruhiger  Ueberlegung  und  mit  Bedacht  gehandelt,
  ein  langes,  hartes  Leben.  Eilig,  hastig,
stürmend  wächst  Birke,  Ebresche,  Erle.  Leicht  auf-