Frühling.
Sounntag früh und Frühling ist es. Da will ich
doch einmal hinaus und die Natur erwachen sehen,
mich an ihrem Werden erfreuen. Bald bin ich aus
der dumpfen Stube in dem dämmernden Tag. Den
Wiesenweg zum Walde schlage ich ein, dorthin, wo
der Bestand so verschieden ist. Birken, Eichen,
Buchen wechseln mit Tannen und Lärchen ab und
gerade da ist der Frühling so schön, zeigt sich in
jeiner vielseitigen Gestalt. Die Wiesen bededt leichter
Nebel, der mit dem Tagesgrauen die Fernsicht
noch verhindert. Wie grode gelbe Flecke leuchten
zu beiden Seiten des sumpfigen Pfades, den ich betreten,
die Dotterblumen, aus der Ferne höre ich
das Kiwitt, Kiwitt des Kibitzes, des Flugkünstlers.
Krähen scheinen auf dem Zuge von den
Schlafbäumen sein Nest zu bedrohen. Der gellende,
ängstlich klingende Schrei kommt näher und näher
zu mir. Und ein Bussardweibchen, das kaum die
Schwingen regend, durch die Nebelschwaden zieht,
werde ich gewahr, verfolgt von zwei auf es stoßenden,
schreienden, gaukelnden und surrenden Ki—
biten. Jetzt eräugen sie mich, lassen vom Raubbogel
ab, der gelassen weiterstreicht, und versuchen
mich in die Flucht zu schlagen. Reichlich zweihumdert
Günge bringen sie mich, dann sehen sie ein,
wie Harmlos ich heute bin, denn nur einen leichten
Stock trägt meine Hand. Es ist heller geworden.
Der Wasserdunst lagert sich auf den kurzen Grösern,
ein Leuchten, das Erwachen des jungen Tages
verkündend, geht über die glitzernde nasse
Fläüche. Die Wiesle gleicht einer Silberplatte.
Einige Regenpfeifer trippeln am Rande des kleinen
Tümpels dort umher, Kerfen zum Frühmahl zu
suchen. Wie eine Schafherde, so grade und durcheinander
stehen auf einem fernen Haferstücke Kraniche.
Mit Trompetentönen macht ihre ausgestellte
Wache auf den Menschen sie aufmerksam; lang und
länger werden die Ibicusvögel, sie werden hoch,
in breiter Linie reisen sie ab.
Die letzte Strecke des Weges ist mit Gebüsch bestanden.
Noch sehen die Erlen wie abgestorben
aus. Nur die braunen Kätzchen und die roten
Fruchtknospen zeugen von Leben, das schon unter
der Rinde pulsiert. Nachbarin Weide dagegen hat
schon den Brautschmuck angelegt, keck stehen schmale
Blättchen in die Höhe, aufrecht die Sammetpfötchen
der männlichen und am andern Busch die
Von Curfs Bloe dorn.
rauheren der weiblichen. Ja, bei der Weide ist es
umgekehrt wie bei den Menschen, wo Weichheit und
Schönheit Eigentum des Weibes ist. Ein früher
Buchfink singt ein Dankeslied dem jungen Grün,
wiederholt es immer und immer wieder, seine kleine
Brust zittert dabei, zeigt doch der sprießende Busch
ihm den Frühling. Und gleich in der Frühe hat
der kleine Sänger, dessen Pink, Pink mich erfreut,
sein schönstes Kleid angezogen: ich habe ihn stark
in Verdacht, daß er heute noch sich um die Gunst
des Finkenfräuleins, das in dem Weißdornbusch
zur Rechten sitzt, bewerben will. Möge es ihm
gelingen. Damit ich nicht störe, mache ich einen
kleinen Bogen um die Büsche, springe über den
schmalen Graben zur linken Hand, umschlage eine
Strecke des Steiges auf der Wiese und komme kurz
vor dem Walde wieder auf ihn. Birken haben die
Erlen und Weiden hier abgelöst und bleiben zu
beiden Seiten, bis ich an den Saum des Holzes
komme. Reinweiß mit schwarz durchsetzt sind die
Stämme dieses mir liebsten Baumes, wunderschön
ihre Kronen im frischen Grün. Wie mit einem
großen durchsichtigen Schleier behangen, der mit
tausend und abertausend zarten grünen Blättchen
durchsetzt, bewegen sie sich leicht im lauen Wind.
Ein feiner, unbeschreiblich erquickender Duft geht
von ihnen aus. Die Stare, die in der größten,
dort am Rande sitzen, merken ihn auch. Sich in
den wiegenden Zweigen schaukelnd, schmettern und
pfeifen sie um die Wette, zeigen den Milliarden
kleinen Blättchen, was sie andern Vögeln abgelauscht,
daß sie Nachahmer vieler gefiderter Genossen
sind. Vor Anstrengung schwellen die Kehlen,
die Flügel schlagen, die Schnäbel arbeiten eifrig,
erzählen in tausend Tönen, es wird, es ist Frühling.
In den Wald trete ich, in das Heiligtum, das
er dem Menschen sein soll. Sieh Dir den Wald zu
jeder Jahreszeit an umd vergleiche seine Geburt,
sein Wachsen und Werden, aber auch sein Sterben
mit deren der Menschheit. Wie ähnlich sind sie.
Schwer zu ziehen, langsam und kernig im Heranwachsen
die Eiche, die Buche, spät reif und ausdauernd
ihr Leben, stark selbst ihr Sterben. Alles
wie in ruhiger Ueberlegung und mit Bedacht gehandelt,
ein langes, hartes Leben. Eilig, hastig,
stürmend wächst Birke, Ebresche, Erle. Leicht auf-