Die Ausbildung der Stimme. 7
besonders geeignet machen, sind vier: Wohlklang, Kraft,
Ausdauer, Biegsamkeit.
§ 5. Der Wohlklang einer Stimme läßt sich mit Worten
nicht beschreiben. Es giebt aber Stimmen, die schon durch ihren
eigentümlichen Klang unwillkürlich zum Herzen dringen. Dieser
eigentümliche Wohlklang der Stimme als des Organs zum
Sprechen läßt sich nur mit einer schönen Singstimme vergleichen,
deren eigentümlicher Wohllaut auch an und für sich, schon ohne
Kunst, das Ohr des Hörers angenehm berührt. Diese Art von
Wohlklang ist nun ein Geschenk der Natur und läßt sich nicht
erwerben.
Wohl aber läßt sich jede Stimme, auch wenn sie nicht von
Natur diesen eigentümlichen Zauber besitzt, so weit in etwas
bilden, daß ihr Wohlklang erhöht wird. Um das zu können
muß man untersuchen welche Eigenschaften sich vornehmlich an
einer wohltönenden Stimme finden. Diese sind die eigentümliche
Lage der Stimme, das Volltönende derselben und die Reinheit.
§ 6. Um über die Lage der Stimme zur Klarheit zu kommen,
muß man sich des Vergleichs mit der Singstimme bedienen.
Die Lage der Singstimme unterscheidet sich durch Höhe oder Tiefe,
jenachdem sie zum Baß oder Tenor neigt (bei den Frauen Alt
und Sopran). Eben so ist der eigentümliche Ton der Stimme
zum Sprechen bald hoch, bald tief. Hierbei ist zu bemerken daß
die Stimmen, die die Mitte zwischen beiden halten, also weder
zu tief noch zu hoch sind (die der Gesangstimme des Baritons
oder hohen Alts entsprechen), die günstigste oder wohltönendste
Lage haben. Zu hohe Stimmen (Stimmen mit der Färbung
des Tenors oder Soprans) sind nicht wohltönend. Zu tiefe
Stimmen (mit der Färbung des Basses) sind wohltönender,
entbehren aber meistens der Biegsamkeit. Die von Natur eigentümliche
Lage der Stimme läßt sich allerdings nicht wesentlich
verändern. Doch ist es möglich eine zu hohe Stimme durch
fortgesetzte Ubung etwas tiefer zu machen. Diese Ubungen bestehen
einfach darin, daß man täglich laut in einem absichtlich tiefern
Tone spricht, als man gewöhnt ist. Im Anfange dieser Ubungen
wird sich rasch Heiserkeit und Rauheit einstellen, allein man
darf sich dadurch nicht abschrecken lassen, nur muß man sich hüten
die Stimmorgane zu übermüden und aufhören, sowie sich Heiserkeit
einstellt. Wer diese Ubungen machen will, vermeide entschieden
das Singen. Das Singen verdirbt namentlich höher gelegene
Stimmen ganz entschieden für das Sprechen. Eine tiefe Stimme
in die Höhe zu schrauben ist nicht gut thunlich.