Full text : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

Die  Ausbildung  der  Stimme.  7

besonders  geeignet  machen,  sind  vier:  Wohlklang,  Kraft,
Ausdauer,  Biegsamkeit.

§  5.  Der  Wohlklang  einer  Stimme  läßt  sich  mit  Worten
nicht  beschreiben.  Es  giebt  aber  Stimmen,  die  schon  durch  ihren
eigentümlichen  Klang  unwillkürlich  zum  Herzen  dringen.  Dieser
eigentümliche  Wohlklang  der  Stimme  als  des  Organs  zum
Sprechen  läßt  sich  nur  mit  einer  schönen  Singstimme  vergleichen,
deren  eigentümlicher  Wohllaut  auch  an  und  für  sich,  schon  ohne
Kunst,  das  Ohr  des  Hörers  angenehm  berührt.  Diese  Art  von
Wohlklang  ist  nun  ein  Geschenk  der  Natur  und  läßt  sich  nicht
erwerben.

Wohl  aber  läßt  sich  jede  Stimme,  auch  wenn  sie  nicht  von
Natur  diesen  eigentümlichen  Zauber  besitzt,  so  weit  in  etwas
bilden,  daß  ihr  Wohlklang  erhöht  wird.  Um  das  zu  können
muß  man  untersuchen  welche  Eigenschaften  sich  vornehmlich  an
einer  wohltönenden  Stimme  finden.  Diese  sind  die  eigentümliche
Lage  der  Stimme,  das  Volltönende  derselben  und  die  Reinheit.

§  6.  Um  über  die  Lage  der  Stimme  zur  Klarheit  zu  kommen,
muß  man  sich  des  Vergleichs  mit  der  Singstimme  bedienen.
Die  Lage  der  Singstimme  unterscheidet  sich  durch  Höhe  oder  Tiefe,
jenachdem  sie  zum  Baß  oder  Tenor  neigt  (bei  den  Frauen  Alt
und  Sopran).  Eben  so  ist  der  eigentümliche  Ton  der  Stimme
zum  Sprechen  bald  hoch,  bald  tief.  Hierbei  ist  zu  bemerken  daß
die  Stimmen,  die  die  Mitte  zwischen  beiden  halten,  also  weder
zu  tief  noch  zu  hoch  sind  (die  der  Gesangstimme  des  Baritons
oder  hohen  Alts  entsprechen),  die  günstigste  oder  wohltönendste
Lage  haben.  Zu  hohe  Stimmen  (Stimmen  mit  der  Färbung
des  Tenors  oder  Soprans)  sind  nicht  wohltönend.  Zu  tiefe
Stimmen  (mit  der  Färbung  des  Basses)  sind  wohltönender,
entbehren  aber  meistens  der  Biegsamkeit.  Die  von  Natur  eigentümliche
  Lage  der  Stimme  läßt  sich  allerdings  nicht  wesentlich
verändern.  Doch  ist  es  möglich  eine  zu  hohe  Stimme  durch
fortgesetzte  Ubung  etwas  tiefer  zu  machen.  Diese  Ubungen  bestehen
einfach  darin,  daß  man  täglich  laut  in  einem  absichtlich  tiefern
Tone  spricht,  als  man  gewöhnt  ist.  Im  Anfange  dieser  Ubungen
wird  sich  rasch  Heiserkeit  und  Rauheit  einstellen,  allein  man
darf  sich  dadurch  nicht  abschrecken  lassen,  nur  muß  man  sich  hüten
die  Stimmorgane  zu  übermüden  und  aufhören,  sowie  sich  Heiserkeit
  einstellt.  Wer  diese  Ubungen  machen  will,  vermeide  entschieden
das  Singen.  Das  Singen  verdirbt  namentlich  höher  gelegene
Stimmen  ganz  entschieden  für  das  Sprechen.  Eine  tiefe  Stimme
in  die  Höhe  zu  schrauben  ist  nicht  gut  thunlich.